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Vortrag von Sakajew am 23. Februar in BrĂŒssel

Bereitgestellt von am Tuesday, 25 February 2014.    163 views Kein Kommentar
Vortrag von Sakajew am 23. Februar in BrĂŒssel

Am 22. Februar fand eine internationale Konferenz in BrĂŒssel/Belgien statt. Anlass war der 70. Jahrestag der Deportation des gesamten Tschetscheno-Inguschischen Volkes durch das sowjetische Regime am 23. Februar 1944. Achmed Sakajew, Premierminister der Tschetschenischen Republik Itschkeria, hielt eine Rede ĂŒber das tragische Ereignis.

Wie folgt:

Liebe Landsleute!
Liebe Freunde!

Am 23. Februar 1944, auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs, wurde auf Beschluss der sowjetischen Regierung das gesamte waynachische Volk (Tschetschenen und Inguschen) nach Zentralasien deportiert. Die Deportation fand unter Anwendung von barbarischsten Maßnahmen statt und in Folge dieser grausamen Aktionen kamen Hunderttausende von Menschen durch Hunger, KĂ€lte, Krankheiten und im Kugelhagel der Vollstrecker um. Alle Waynachen nehmen diese Tragödie bis heute als persönlichen Schmerz wahr, da es in Tschetschenien und Inguschetien keine einzige Familie gibt, die keine Angehörigen verloren hat. Der Schmerz und die tragischen Verluste, die das waynachische Volk erleiden musste, sind keineswegs nur abstrakte Geschichten fĂŒr die Tschetschenen und Inguschen. Nichts und niemand kann diese Katastrophe aus dem kollektiven GedĂ€chtnis des Volkes löschen. Zwei weitere grausame Kriege mussten die Tschetschenen in der jĂŒngsten Vergangenheit durchleben und der andauernde Guerillakampf sowie der daraus resultierende Terror durch die russischen Straforgane haben die Vergangenheit und die Gegenwart zu einem einzigen tragischen Knoten verknĂŒpft.

In der russischen Geschichtsschreibung wird die Deportation der nordkaukasischen Völker „Stalins Deportation” genannt. Die Opfer dieses Genozids stellen die Bedeutung dieses Ausdrucks nicht in Frage, und verwenden es, um den Akt des Genozids sprachlich zu bezeichnen.

Jedoch steckt hinter dieser Definition der Versuch, den Ansatz der “persönlichen Verantwortung Stalins” in den Gedanken der gesamten Weltbevölkerung und den Opfern des Genozids zu verankern, anstatt die volle Schuld fĂŒr dieses Verbrechen zu Fuße des russischen Staates anzuerkennen.

Doch die PrĂŒfung historischer Dokumente zeigt sehr deutlich, dass der Genozid am tschetschenischen Volk eine Konstante in der Politik des russischen Staates war, die unter jedem sozio-politischen Regime praktiziert wurde.

Das Vorhaben einer “demokratischen Verfassung”, welche durch Pawel Pestel entworfen wurde, einer der FĂŒhrer und der Hauptideologen der russischen Dekabristen, und 1823 durch seine GefĂ€hrten genehmigt wurde, zeigt deutlich auf, dass die Idee der Deportation der kaukasischen Völker eines der Doktrinen der russischen Staatspolitik zu Beginn des 19. Jahrhunderts war.

Folgendes schlugen die liberal denkenden Dekabristen in ihrem Verfassungsentwurf in Bezug auf die Völker des Kaukasus einschließlich der Tschetschenen vor:

“Alle Völker des Kaukasus in zwei Kategorien zu teilen: friedlich und gewalttĂ€tig. Die Ersteren sollten in ihren WohnstĂ€tten bleiben und in das russische System der Gesellschaft und der Regierung eingefĂŒhrt werden, wohingegen die Zweiteren zwangsumgesiedelt werden sollten ins Innere Russlands, geteilt in GrĂŒppchen in allen Regionen Russlands. Russische Siedlungen sollten quer ĂŒber den Kaukasus errichtet werden und den russischen Einwohnern sollten die von den GewalttĂ€tigen konfiszierten LĂ€ndereien ĂŒbergeben werden. Das ist der Weg, um im Kaukasus auch die kleinste Spur ihrer frĂŒheren Bewohner zu verwischen und die Region in ein sicheres und wohlhabendes russisches Gebiet zu verwandeln.”

Wie man diesem Auszug entnehmen kann, war der wahrhaftige Autor des Vorhabens der Deportation, welche verschiedene kaukasische Völker miteinschloss, nicht der blutrĂŒnstige Diktator Josef Stalin, sondern ein Liberaler und ein Demokrat, Pawel Pestel. Es muss dazu gesagt werden, dass der russische Kaiser Nikolaus I., der Pawel Pestel mit fĂŒnf weiteren Initiatoren des misslungenen Dekabristenaufstands erhĂ€ngen ließ, zum Kaukasus und seinen Völkern eine Ă€hnliche Einstellung hatte wie die von ihm exekutierten Dekabristen.

Das lĂ€sst sich aus dem berĂŒhmten Bescheid ersehen, den Nikolaus I. seinem Gouverneur im Kaukasus, General Paskewitsch, zusandte:

“Nach der Vollendung dieser edlen Tat (Russisch-TĂŒrkischer Krieg) werden Sie sich jetzt einer Neuen annehmen, die, nach meiner Meinung, nicht weniger glorreich ist und aus Sicht des unmittelbaren Nutzens sogar noch bedeutungsvoller ist. Ich spreche ĂŒber die endgĂŒltige Unterwerfung der Bergvölker bzw. die Ausrottung der Rebellen.”

Im Laufe der 60 Jahre des kaukasischen Krieges im 19. Jahrhundert wurde diese Maxime des russischen Kaisers fast buchstabengetreu umgesetzt: mehr als die HĂ€lfte der tschetschenischen Bevölkerung starb im Krieg, gefolgt von Zehntausenden Waynachen, die gezwungen waren zu flĂŒchten und nach Zentralasien umzusiedeln. Das Wort „beinahe” ist hier besonders angebracht, da es den Eroberern misslang, ihr Hauptziel im Kaukasus zu erreichen – die endgĂŒltige Unterwerfung der Bergvölker; nacheinander fanden gewalttĂ€tige AufstĂ€nde in großem Umfang gegen die russischen Kolonialherren statt.

Nachdem das kommunistische Regime und Stalins Tyrannei zu einem Verbrechen erklĂ€rt wurden im Jahre 1991, bekannte sich Russland zu demokratischen Werten und Menschenrechten, darunter auch das Recht der Völker auf Selbstbestimmung. Jedoch war der erste Krieg, der durch das neue demokratische Russland 1994 entfesselt wurde, erneut gegen das tschetschenische Volk gerichtet und zielte darauf ab, ihre Bestrebungen zur nationalen Befreiung zu untergraben. Abgesehen von der unmittelbaren Vernichtung von Hunderttausenden durch Bomben, Raketen, Artilleriefeuer und sonstigen Bestrafungsaktionen, hat die russische Regierung erneut die Idee der Deportation der Tschetschenen aus ihrer historischen Heimat zu Tage gefördert. Dies wurde von einem Geheimerlass getragen, herausgegeben vom russischen Verteidigungsminister Pawel Gratschow, der einer Gruppe von Ministerien bevorstand, die die verfassungsmĂ€ĂŸige Ordnung in Tschetschenien im Dezember 1994 wiederherstellen sollten. Dieser Erlass zeugt von der BestĂ€ndigkeit der Politik des russischen Staates in Bezug auf die tschetschenische Bevölkerung:

„An den Genossen Jegorow N.D., Jerin W.F., Stepaschin S.W.
In Anlehnung an den Geheimerlass des PrĂ€sidenten der Russischen Föderation Â«Ăœber die Maßnahmen zur Wiederherstellung des Verfassungsrechts und der verfassungsmĂ€ĂŸigen Ordnung auf dem Gebiet der Tschetschenischen Republik» wird die Einschleusung einer Division der Truppen des Innenministeriums und zweier Divisionen des Verteidigungsministeriums in die Tschetschenische Republik vorbereitet.

In Anbetracht der voraussichtlichen Massen-, aber nicht organisierten WiderstĂ€nde wird beschlossen, dass diese Handlungen dazu genutzt werden, eine MASSENDEPORTATION der örtlichen Bevölkerung durchzufĂŒhren, unter dem Deckmantel eines organisierten RĂŒckzugs aus der Kampfzone in andere Regionen der Russischen Föderation, die noch gesondert definiert werden…

Der Verteidigungsminister der Russischen Föderation,
Vorsitzender der Gruppe,
General Gratschow”

Russland hat bereits verschiedene Zaren, GeneralsekretĂ€re der kommunistischen Parteien und PrĂ€sidenten sowie verschiedene politische Regimes erlebt: die Monarchie, abgelöst durch den Bolschewismus, die wiederum der Wegbereiter fĂŒr die Demokratie war etc. Doch eines hat sich nie geĂ€ndert, die Agenda in Bezug auf die Tschetschenen – sie zu „unterwerfen oder auszurotten”. Der langwierige Kaukasuskrieg im 18. und 19. Jahrhundert fĂŒhrte zur Auslöschung von mehr als der HĂ€lfte des gesamten tschetschenischen Volkes. FĂŒr den Hass der Kommunisten auf rebellische Tschetschenen musste unser Volk einen hohen Preis zahlen – unterschiedlichen SchĂ€tzungen zufolge starben bis zu 70 Prozent in Folge von Repressionen, Hunger und KĂ€lte beim Transport in ungeheizten Waggons, die eigentlich zum Viehtransport genutzt wurden, wĂ€hrend der verheerenden KĂ€lte im Februar 1944. Die jĂŒngsten Kriege fĂŒhrten zur physischen Auslöschung von bis zu einem Viertel der 1 Million Tschetschenen, unter ihnen 40.000 Kinder unter 12 Jahren. Mehr als 300.000 Tschetschenen wurden ĂŒber die ganze Welt verstreut, im Versuch, ihre Familien vor der totalen Zerstörung zu retten. „Unterwerfen oder ausrotten” — es gibt keine einzige Generation von Tschetschenen, die in den letzten drei Jahrhunderten nicht diese FrĂŒchte der standhaften russischen Politik erleben mussten.

Dennoch: die Welt Àndert sich. Im Februar 2004, anlÀsslich des 60. Jahrestages der Deportation der Waynachen, erklÀrte das EuropÀische Parlament dieses Verbrechen zum Akt des Genozids. Heute, 70 Jahre nach diesem Ereignis, erinnern wir uns und andere auf der ganzen Welt an die Tragödie, so dass denjenigen, die LÀnder und Völker in blutige Katastrophen verwickeln, bewusst wird, dass ihre Verbrechen niemals vergessen oder vergeben werden.

22.02.2014 / BrĂŒssel

Premierminister der Tschetschenischen Republik Itschkeria
Achmed Sakajew

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