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Die guten Tschetschenen von Kilchberg

Bereitgestellt von am Sunday, 12 July 2015.    96 views 1 Kommentar
Die guten Tschetschenen von Kilchberg

Sie hat sich integriert, trotzdem droht einer Familie aus Tschetschenien die R├╝ckschaffung. Eltern, Lehrer und Sch├╝ler wehren sich f├╝r sie.

Das Epizentrum des Protestes ruht in der Mittagssonne. Es ist die Schule von Kilchberg, ein Schulhaus, wie man es sich vorstellt von der T├╝r bis zum Dach. Es hat einen grossen Pausenplatz davor, durch das Gitter sieht man auf den ┬şZ├╝richsee. Mehr Frieden kann nicht sein.

Drei M├Ądchen sitzen im Schatten ihrer Schule, reden miteinander und kichern. Sie waren sich fremd, sie sind Freundinnen geworden: Melanie, Markha, Linda. Die eine kommt von hier, die beiden anderen sind hierhergekommen. Mit ihren Eltern und Br├╝dern. Vor dreieinhalb Jahren floh die Familie aus Tschetschenien in die Schweiz.

Der gr├Âsste Wunsch

Als die Kinder nach Kilchberg gelangten, verstanden sie kein Wort Deutsch, jetzt reden sie fliessend Hochdeutsch und Dialekt, auch untereinander. Sie haben sich eingelebt, sie wohnen hier, sie m├Âchten bleiben. ┬źUnser gr├Âsster Wunsch als Familie┬╗, sagt Markha, die ├ältere: ┬źDass wir nicht weggehen m├╝ssen.┬╗ Die Kleine macht dazu ein so frohes Gesicht, als sei das schon beschlossen. Die Mutter hofft noch, ihr Mann offensichtlich nicht mehr: Vorletzte Woche musste er nach einem Zusammenbruch in das Sanatorium Kilchberg eingeliefert werden.

Zuvor hatte das Bundesverwaltungsgericht einen Entscheid des Staatssekretariats f├╝r Migration (SEM) letztinstanzlich best├Ątigt: Die Familie muss in ihr Herkunftsland zur├╝ckkehren. Ihre Asylgr├╝nde seien nicht glaubw├╝rdig und eine R├╝ckkehr zul├Ąssig, zumutbar und m├Âglich. Die Schweiz unterscheide nicht zwischen russischen und tsche┬ştschenischen Asylsuchenden, erg├Ąnzt Martin Reichlin vom Staatssekretariat auf Anfrage, weist aber darauf hin, dass im laufenden Jahr 28,6 Prozent der russischen Asylgesuche anerkannt w├╝rden. Ohnehin werde jedes Gesuch individuell gepr├╝ft.

Die Fremden in ihrer Mitte

In Kilchberg w├Ąchst der Widerstand gegen die drohende R├╝ckschaffung. Eltern und Sch├╝ler haben sich zum Komitee formiert. Und bitten die Migrations┬şbeh├Ârde, die Familie aus humanit├Ąren Gr├╝nden in der Schweiz aufzunehmen. Sie haben eine Website installiert, die ihr Anliegen schon im Titel tr├Ągt: hier┬şzuhause.ch. Sie zeigt die Familie auf dem Schulplatz, umringt von all den B├╝rgerinnen und B├╝rgern, die sie in Kilchberg behalten m├Âchten.

Die Familie fl├╝chtet, in einem Minibus versteckt, ├╝ber Weissrussland in die Schweiz, wo sie ein Asylgesuch stellt.

W├Ąhrend die M├Ądchen auf dem Schulplatz herumrennen, erl├Ąutern die Eltern von Melanie ihre Motive. Sie h├Ątten so etwas noch nie getan, sagt Ronie B├╝rgin, einer der Initianten. ┬źWir tun es jetzt, weil wir die Ausschaffung der Familie unzumutbar finden. Und unw├╝rdig f├╝r unser Land.┬╗

Politische Gr├╝nde habe er nicht, habe niemand im Komitee. Aber dass eine Familie mit vier Kindern, die sich in den fast vier Jahren hier bestens integriert habe, trotzdem zur├╝ckgeschafft werde und das in einen offensichtlichen Unrechtsstaat, das emp├Âre ihn. Als Vater und B├╝rger. ┬źStatt ein Asylheim am Stadtrand zu installieren┬╗, sagt er noch, ┬źm├╝sste man die Fl├╝chtlinge, die sich integrieren wollen, in unserer Mitte leben lassen.┬╗

Was genau heisst integriert?

Ronie B├╝rgin wuchs als Sohn einer Brasilianerin in der Schweiz auf, seine Frau Francesca kam als 13-J├Ąhrige aus England nach Kilchberg, die beiden haben also eine eigene Ahnung davon, was es heisst, sich fremd zu f├╝hlen in der Schweiz.

Was heisst f├╝r das Paar denn integriert? Zuerst braucht Francesca B├╝rgin jene Adjektive, die man eher mit Assimilation assoziiert: eine ausnehmend freundliche Familie, die Eltern bem├╝ht, Deutsch zu lernen, die Kinder an der Schule gl├╝cklich und beliebt. Im Lauf des Gespr├Ąchs werden die Gef├╝hle st├Ąrker, B├╝rgin erz├Ąhlt von den Elternabenden, bei denen der Vater jedes Mal gekommen sei, beim Treffen am Gr├╝mpelturnier. Er habe ├╝brigens auch eine Arbeitsstelle gefunden, was den Entscheid der Beh├Ârden noch unverst├Ąndlicher mache, sagt ihr Mann. ┬źWieso schafft man eine Familie zur├╝ck, die sich so gut eingelebt hat?┬╗

Ja, wieso? Wie so oft in solchen Fragen widersprechen sich Aussagen und Einsch├Ątzungen. Laut dem Unterst├╝tzungskomitee geht die Version des Vaters so: Weil er einem tschetschenischen Rebellen aus dem Nachbardorf hilft, wird er von Schl├Ągern des Pr├Ąsidenten Ramsan Kadyrow festgenommen und zehn Tage lang verh├Ârt und gefoltert. Dann l├Ąsst man ihn frei, aber das hat dort System; auf die Freilassung folgen meistens Hausbesuche von Kadyrows Spezialeinheiten, um der Familie Angst zu machen.

Der Vater versteckt sich, ebenso seine Frau mit den Kindern, die Soldaten finden sie nicht. Wenig sp├Ąter fl├╝chtet die Familie nach Polen, wo die f├╝nf als Fl├╝chtlinge anerkannt werden. Dennoch f├╝hlen sie sich dort zu wenig sicher und reisen weiter in die Niederlande, wo sie wegen des Dublin-Abkommens nicht bleiben d├╝rfen.

Im Juli 2011 kehrt die Familie nach Tschetschenien zur├╝ck, wo der Vater von einem ├ťberl├Ąufer aus seinem Dorf als Widerstandsk├Ąmpfer denunziert wird. Wieder tauchen Kadyrows Schl├Ąger auf, um ihn zu verhaften, treffen ihn aber nicht zu Hause an. Die Familie durchlebt angstvolle Monate, die Lage wird f├╝r sie untragbar, also fl├╝chtet sie im November erneut. Der Vater, die schwangere Frau und ihre drei Kinder reisen mit dem Zug nach Moskau und, in einem Minibus versteckt, weiter ├╝ber Weissrussland in die Schweiz, wo sie im Empfangszentrum Vallorbe ein Asyl┬şgesuch stellen.

Dieses wird zwei Jahre sp├Ąter abgelehnt. Freunde der Familie bezahlen einen Anwalt, der beim Bundesverwaltungsgericht rekurriert. Vergeblich. Die Familie h├Ątte heute ausgeschafft werden sollen, das ist der letzte Schultag vor den Sommerferien. Aber dann kollabiert der Vater.

Migrationsamt glaubt ihm nicht

Warum muss die Familie nach Tsche┬ştschenien zur├╝ck, anders gefragt: Warum trauen die Schweizer Beh├Ârden dem Vater nicht und verweigern ihm den Fl├╝chtlingsstatus? Weil sie ihm nicht glauben, dass er in seinem Land gef├Ąhrdet ist; weil sie ihn nicht f├╝r einen Widerstandsk├Ąmpfer halten; und weil sie ein entscheidendes Dokument als unecht einsch├Ątzen, mit dem er seine Gef├Ąhrdung durch das Regime belegen will: eine Vorladung der tschetschenischen Polizei vom Dezember 2014. Ein solches Dokument lasse sich in Tschetschenien kaufen, argumentiert das Staatssekretariat f├╝r Migration unter anderem, es fehlten Stempel und Absenderadresse.

Auch der Asylbetreuer von Kilchberg hat M├╝he, den Entscheid aus Bern mitzutragen. Ihm fehle das n├Âtige Verst├Ąndnis.

├ťberhaupt habe der Vater nicht glaubhaft machen k├Ânnen, Aufst├Ąndische in seiner Heimat zu unterst├╝tzen. ┬źDas SEM geht eher davon aus, dass Sie aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Situation mit Ihrer Familie aus Tschetschenien gefl├╝chtet sind.┬╗ Zudem bestehe dort keine humanit├Ąre Krise mehr, das s├Ąhen auch die UNO und das Rote Kreuz so.

Das sei zwar richtig, h├Ârt man von Journalisten, die sich auskennen, aber wer nicht zum Klientelkreis von Pr├Ąsident Kadyrow geh├Âre, sei der Willk├╝r seiner Garde ausgesetzt; erst recht beim Verdacht, Aufst├Ąndische zu unterst├╝tzen. Die Gesellschaft f├╝r bedrohte V├Âlker weist darauf hin, dass schon die Flucht aus Tschetschenien eine R├╝ckkehr erschwert. Und die Crisis Group, eine international angesehene Denkfabrik, beschreibt in ihrem Bericht von Ende Juni F├Ąlle von Willk├╝r, unges├╝hnten ├ťbergriffen, von Regierungsdruck auf die Justiz; von einer tr├╝gerischen Stabilit├Ąt.

Kritik der lokalen Beh├Ârde

Ob die Beh├Ârden den tschetschenischen Vater zu Unrecht beschuldigen, l├Ąsst sich nicht ├╝berpr├╝fen. F├╝r Thomas Schaad, Anwalt der Familie, steht fest: Wer aus Tschetschenien komme, habe es mit einem Asylgesuch schwerer. Ihn ├╝berzeugt auch der F├Ąlschungsvorwurf nicht, mit dem die Beh├Ârde gegen den Vater argumentiert. Erstens gebe es keinerlei Hinweise darauf, dass er die Vorladung gekauft habe. Zweitens m├╝sse man Dokumente umso genauer untersuchen, je korrupter eine Regierung agiere.

Unabh├Ąngig solcher Differenzen besch├Ąftigt die drohende R├╝ckschaffung der Familie viele in Kilchberg. Die Emp├Ârung aus der Bev├Âlkerung verdeutlicht, was viele Betreuer von Fl├╝chtlingen aus eigener Erfahrung kennen: wie sehr sich die Gef├╝hle intensivieren, wenn das Schicksal die Statistik verl├Ąsst, wenn der Asylfall sich zur Familie konkretisiert, wenn aus fernen Fl├╝chtlingen Eltern werden, die man am Gr├╝mpelturnier sieht, und Kinder, die sich mit der eigenen Tochter anfreunden.

D├╝rfte diese Familie bleiben, das glaubt auch der Asylbetreuer von Kilchberg, k├Ąme das im Dorf gut an. Als Beh├Ârdenmitglied muss Andr├ę Delafontaine die Entscheide aus Bern mittragen, ┬źaber in diesem Fall habe ich M├╝he, das n├Âtige Verst├Ąndnis aufzubringen┬╗. Die tschetschenische Familie sei exemplarisch integriert, immer hilfsbereit, und sie beanspruche keinerlei Spezialbehandlungen.

Nur verschoben

Und wie reagieren die Kinder darauf, dass ihre Mitsch├╝lerinnen die Schweiz wohl werden verlassen m├╝ssen? ┬źSie fragen viel, denn es besch├Ąftigt sie┬╗, sagt Thomas B├Âhm, ein Lehrer, der die tschetschenischen M├Ądchen unterrichtet. ┬źIch habe ihnen auf der Karte gezeigt, wo Tschetschenien liegt┬╗, sagt er, ┬źaber ich habe ihnen nicht davon erz├Ąhlt, was dort passiert ist.┬╗

Eltern erz├Ąhlen, ihre Kinder seien aufgew├╝hlt, manche m├╝ssten immer wieder weinen, andere w├╝rden f├╝r ihre Schulfreundinnen beten. Auch Markha, die ├ältere der beiden tschetschenischen M├Ądchen, tr├Ągt schwer an der drohenden Ausschaffung. Zugleich bereitet sie sich darauf vor: Sie hat fast alles, was ihr geh├Ârt, ihren Mitsch├╝lern und ?sch├╝lerinnen verschenkt.

Auf der Website des Komitees haben fast 800 Leute unterschrieben. Die Ausschaffung wurde nicht ausgesetzt. Nur verschoben.

(Tages-Anzeiger)
(Erstellt: 09.07.2015, 21:09 Uhr)

Der Bund

1 Kommentare »

  • Johann Atzensberger said:

    Es ist unglaublich, Schweiz, das Land indem von Henry Dunant das Rote Kreuz gegr├╝ndet wurde gibt sich jetzt so unmenschlich basierend auf B├╝rokratismus. Jeder daran beteiligte B├╝rokrat sollte sich selbst einmal in dieselbe Lage versetzen wie es f├╝r die Fl├╝chlinge ist.

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