Archivdokumente

Alte Artikel, PrÀsentationen, VortrÀge, Reden mit Bezug zu Tschetschenien.

BĂŒcherregal

Informationen ĂŒber BĂŒcher mit Bezug zu Tschetschenien und den Tschetschenen.

Gedichte

Gedichte ĂŒber das tschetschenische Volk sowie Gedichte von sehr berĂŒhmten Tschetschenen

Lyrics

Songtexte von sehr berĂŒhmten, tschetschenischen Liedern abrufen, hören und downloaden.

Tschetschenische Kultur

Artikel, Materialien und vieles mehr zur tschetschenischen Kultur.

Home » Archivdokumente

Maschadows Offener Brief an die OberhÀupter der G7-Nationen (2002)

Bereitgestellt von am Tuesday, 4 March 2014.    59 views Kein Kommentar
Maschadows Offener Brief an die OberhÀupter der G7-Nationen (2002)

Sehr geehrte Exzellenzen,

Ich, Aslan Maschadow, der demokratisch gewĂ€hlte PrĂ€sident der Tschetschenischen Republik Itschkeria, schreibe Ihnen diesen verzweifelten Brief im Namen meines Volkes, den Opfern eines völkermordernden Krieges, dessen tĂ€gliche Morde noch das Gewissen der Welt, die Sie fĂŒhren, wecken muss. Wir sind so elend, blutig und versklavt, wie Sie reich, mĂ€chtig und frei sind. Sie werden sich bald in Genua mitten in der Pracht und der Zeremonie versammeln, welche sich fĂŒr Ihren Platz in der vordersten Reihe der Nationen ziemt. Ehrengarden werden Sie begrĂŒĂŸen, Sie werden sich in PalĂ€sten treffen, und die Welt wird jedem Ihrer Worte zuhören. Ich schreibe Ihnen von einem Land der Morde, verdorben durch Schlachten und wie meine BrĂŒder bleibe ich ein gejagter Mann in meinem eigenen Land. Ich habe durch die Wahlurne ebenfalls das Privileg und die Verantwortung erlangen, mein Land zu fĂŒhren, aber Moskau nennt mich einen RĂ€uber, einen Terroristen und Kriminellen. Jenseits der Grenzen meines kleinen Landes scheinen meine Worte nicht viel zu zĂ€hlen, wie auch der kummervolle Aufschrei meines Volkes, der sie ĂŒberraschenderweise immer noch stumm und taub lĂ€sst. Deshalb werde ich schreiben, bis die Stille durchdrungen wird.

Sie werden zu Ihrem Gipfel zusammenkommen, um einen Schuldenerlass fĂŒr verarmte EntwicklungslĂ€nder in ErwĂ€gung zu ziehen. Das ist ein lobenswertes Ziel und es ist zweifelsohne die Hoffnung von unzĂ€hligen Millionen, dass humanitĂ€re Sorge die Starken motiviert, ein Ende fĂŒr das Elend der Schwachen zu suchen. Sollten Sie jedoch die stille Gewalt der Armut bei den Notleidenden und Hungrigen erkennen, weshalb wenden Sie sich von uns ab? Wir, die wir im Feuer des schmutzigen Kriegs des Kremls sterben, sind wir des MitgefĂŒhls weniger wĂŒrdig? Was hat uns fĂŒr Sie unsichtbar gemacht? Ich befĂŒrchte, ich kenne die Antwort. Ich befĂŒrchte, die kalten Anforderungen der Realpolitik bestĂ€tigen Sie in Ihrer UntĂ€tigkeit und besiegeln unser Schicksal. Um Ihre unsichere Beziehung zu einem zerbrechlichen und unbestĂ€ndigen neuen Russland nicht zu beschĂ€digen, sind Sie bereit, ĂŒber die Vernichtung meiner Leute hinwegzusehen.

In Ihren Augen sind wir, um grĂ¶ĂŸerer Interessen willen, eine entbehrliche Nation. Deshalb gewĂ€hren Sie einem Ehrengast einen Sitz an Ihrem Tisch, dem russischen PrĂ€sidenten Wladimir Putin, und schĂŒtteln ihm als FĂŒhrer einer großen Demokratie die HĂ€nde, applaudieren ihm zu als einen Reformierer, der Ihre Werte teilt.

Wenn Sie es ertragen wĂŒrden, das wahre Gesicht von Tschetschenien unter dem Joch der russischen Besatzung zu sehen, könnten Sie ihn dann tatsĂ€chlich noch so lobpreisen? In einer Bevölkerung, die einmal 1 Million Menschen zĂ€hlte, ist jetzt einer von sieben Tschetschenen tot. 250.00 Zivilpersonen sind FlĂŒchtlinge. Bar jeglicher GrundbedĂŒrfnisse, sind viele zerstört aufgrund von Krankheiten und UnterernĂ€hrung, insbesondere die Älteren und die Jungen. Mehr als 20.000 Zivilisten und WiderstandskĂ€mpfer sind inhaftiert in den Gulags, den sogenannten Filtrationslagern. Eingesperrt unter unmenschlichen und primitiven Bedingungen mit wenig oder keiner medizinischen Versorgung, welches die schlechtesten Standards des russischen Strafsystems ĂŒbertrifft, sieht das Leben in den improvisierten LĂ€gern sadistischen und systematischen Gebrauch von Folter vor. Verbrennungen mit Zigaretten, lĂ€hmende SchlĂ€ge, Erstickung, Ertrinken in menschlichen Exkrementen, VerstĂŒmmelung mit Messern, Hochspannungs-Elektroschocks und sexueller Missbrauch sind nur einige der ĂŒblichen Praktiken. Viele Insassen werden letzten Endes umgebracht. Sicher ist das fĂŒr einige eine willkommene Flucht aus der Hölle.

Unsere Frauen werden hĂ€ufig aufs Geratewohl eingekreist und massenvergewaltigt. Es wird ĂŒblicherweise die Taktik der “verbrannten Erde” angewendet, Dörfer werden geplĂŒndert, vollkommen zerstört und krĂ€ftige MĂ€nner einschließlich der Jungen unter 15 Jahren werden versammelt und verschwinden dann. Jeder Tschetschene kann eingesperrt werden ohne Anklage oder zum Tode verurteilt werden ohne eine Verhandlung. Standrecht ist tĂ€gliche Praxis bei MĂ€nnern, Frauen und Kindern jeden Alters. Die Leichen werden hĂ€ufig bewusst verstĂŒmmelt und zur Schau gestellt, ihre Beerdigung verboten. Unser Tod dient auch als eine neue Form der WĂ€hrung, wobei russische Soldaten die Verwandten der Toten zwingen, hohe Summen Freikaufgeld zu zahlen, bevor sie die Überbleibsel der Angehörigen aushĂ€ndigen. UnzĂ€hlige MassengrĂ€ber liegen versteckt in Landschaften, die von plattgemachten Dörfern und brennenden Ruinen ĂŒbersĂ€t sind. Unsere Infrastruktur existiert nicht mehr. Allein in den letzten 2 Wochen wurden Dutzende von Dörfern im sĂŒdöstlichen und westlichen Tschetschenien erneut terrorisiert, mehr als 300 Zivilisten wurden in einer systematischen RĂ€umungsaktion ermordet und Tausende wurden eingesperrt, gefoltert und vergewaltigt. Wir haben den Europarat informiert – vergeblich. Das ist die dunkle Wahrheit der Realpolitik. Terror, Blutbad und Wahnsinn ist der Preis, den wir zahlen, um den Pragmatismus der internationalen Diplomatie sicherzustellen.

Im Jahre 1945 haben Sie die Bösen des Militarismus, Faschismus und Nazismus geschlagen. Die LĂ€nder unter Ihnen, die den monströsen Moloch und den Holocaust im Weltkrieg entstehen ließen, haben geschworen, diese fatalen Fehler nie wieder zu wiederholen und Sie haben hart daran gearbeitet, mit neuem Geist und mutig da zustehen inmitten der Ă€lteren Demokratien. Nach einem halben Jahrhundert Fortschritt haben Sie zusammen neue Institutionen fĂŒr die Staatengemeinschaften gegrĂŒndet, die UN, NATO, EU und die OSZE, inmitten weiterer regionaler und globaler Gremien, abgezielt auf eine gerechtere und sichere Zukunft. Sie haben im Atomkonflikt den Tag des JĂŒngsten Gerichts verhindert und Ihr Beispiel hat die Berliner Mauer niedergerissen, der Joch des Kommunismus wurde beseitigt und der Kalte Krieg beendet. Sie haben Ihre Kolonialreiche zerlegt und den zuvor unterworfenen Völkern erlaubt, sie selbst zu sein. Sie haben im In- und Ausland Rassismus bekĂ€mpft und Ihre Stimmen haben dabei geholfen, den Schandfleck der Apartheid zu beseitigen. Immer wieder haben Sie dazu beigetragen, dass die Tugenden der Demokratie die Diktaturen ĂŒbertrumpfen. Vielleicht haben Sie vor allem in NĂŒrnberg Ihren erhabensten Instinkten gehorcht, indem Sie die Maßgabe von Gesetz und Menschenrechten als unantastbare, universelle Prinzipien etabliert haben, die den Barbarismus durch einen zivilisierten Verhaltenskodex zur Rechenschaft zieht.

Wie kann es also sein, dass Sie es zelebrieren, Slobodan Milosevic in Den Haag vor Gericht zu stellen, gleichzeitig aber Putin als glaubwĂŒrdigen Partner umarmen? Wie ist es möglich, dass Sie gegen die nackte Aggression wĂ€hrend dem Golfkrieg mobil machen, sich einmischen, sobald Sie beobachten, dass ethnische SĂ€uberungen stattfinden und BrutalitĂ€t in Bosnien, Kosovo, Timor und Sierra Leone tobt, aber selten das Wort Tschetschenien aussprechen? Sie verdammen und isolieren das SLORC-Regime in Myanmar und die Taliban in Afghanistan. Sie ĂŒben Druck auf China aus aufgrund der Misshandlungen in Tibet und der Verfolgung regimekritischer Intellektueller und religiöser AnhĂ€nger, aber Sie verlieren kein Wort ĂŒber den Massenmord an zivilen Tschetschenen. Sie wenden unermĂŒdlich Diplomatie an, um den Frieden im Nahen Osten, in Nordirland, Mazedonien, Kaschmir, Kongo, wie auch im Sudan sicherzustellen, wo aber bleibt Ihre Initiative fĂŒr den Frieden in Tschetschenien?

Im Namen eines sterbenden Volkes bitte ich Sie, uns nicht lĂ€nger im Stich zu lassen. Ich ersuche Sie, kollektiv Schritte einzuleiten, um Friedensverhandlungen wiederaufzunehmen und augenblicklich einen Waffenstillstand zu erlassen, welches durch neutrale Parteien beaufsichtigt wird. Desweiteren ersuche ich Sie, gemĂ€ĂŸ internationalem Recht, dringend benötigte humanitĂ€re Hilfe, medizinisches und Ă€rztliches Personal zu entsenden. Weiterhin flehe ich Sie an, die ungehinderte RĂŒckkehr von NGO Menschenrechtsermittlern, -beobachtern internationaler Institutionen und allen Mitgliedern der globalen Presse zu ermöglichen, die aktuell aus Tschetschenien ausgesperrt sind. Ich appelliere an Sie als OberhĂ€upter der freien Welt, Zivilcourage im Einklang mit demokratischen Traditionen aufzubringen, wie sie es auch geschworen haben, um Druck auf Russland auszuĂŒben, die Vernichtung meines Volkes zu stoppen, Russland fĂŒr den Völkermord zur Rechenschaft zu ziehen und Sanktionen zu erlassen, sollte Moskau nicht davon ablassen.

Die BrutalitĂ€t, die wir ertragen mĂŒssen, ist nicht neu. Wir erinnern uns an Stalins Salzgruben, seine WachtĂŒrme, die StacheldrĂ€hte und die nicht gekennzeichneten GrĂ€ber. Den Schmerz des Exodus und des Völkermords hatten wir zuvor schon ertragen. Deshalb verstehen wir die anderen, mit denen wir aufgrund eines gemeinsamen, schrecklichen Schicksals verbunden sind. Die skelettartigen Juden und Roma in den Öfen von Dachau und Auschwitz. Das Bajonetten-Futter (die Opfer) von Nanjing. Die historischen, weit aufgerissenen Augen der Kinder von Biafra. Die flehende Mutter und ihr Baby im Angesicht der Waffen in Má»č Lai. Die Marsch-Araber von Irak, erstickt mit Senfgas. Die Tutsi von Ruanda, abgeschlachtet auf den Straßen von Kigali, mit den Messern der Interahamwe. Das sind alles unsere gemarterten BrĂŒdern und Schwestern, im Erbe der Altlasten bestehend aus sinnlosem Mord. Nur ist unsere Schlacht, unser Tod nicht gestern passiert, es gehört zum lebenden Alptraum der Gegenwart. Wie viele Tschetschenen werden in der Zeit sterben, die Sie benötigen, um diesen Brief zu lesen? Wie viele mehr mĂŒssen wir beerdigen, bis Ihr Gipfeltreffen vorĂŒber ist? Unterlassen Sie es nicht zu sprechen, um der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit willen, handeln Sie jetzt nach Ihrem Gewissen oder die Geschichte wird auch Sie mit einer Seite der Schande kennzeichnen. Wenn Sie weiterhin untĂ€tig bleiben, wĂ€hrend mein Volk in einem Blutbad verschwindet, wenn Sie es versĂ€umen, wie in Ruanda, mit Überzeugung und Entschlossenheit zu handeln, werden die tschetschenischen Geister Ihre Ehre und die Ehre von Russland beflecken.

Möge Gott Ihnen die Weisheit und den Weitblick zuteilwerden, um der Sache des Friedens und der Gerechtigkeit zu dienen.

Hochachtungsvoll,

Aslan Maschadow
PrÀsident der Tschetschenischen Republik Itschkeria

Juni 2002

Teilen Sie uns Ihre Meinung mit!

Schreiben Sie einen Kommentar oder erzeugen Sie einen trackback zu Ihrer eigenen Seite. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag auch subscribe to these comments via RSS.

Bitte bleiben Sie höflich. Seien Sie ehrlich. Keine Off-Topic-BeitrÀge. Kein Spam.

You can use these tags:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

This is a Gravatar-enabled weblog. To get your own globally-recognized-avatar, please register at Gravatar.