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Iljas Achmadow: “Die Zeit wird alles heilen!”

Bereitgestellt von am Wednesday, 9 February 2011.    184 views Kein Kommentar
Iljas Achmadow: “Die Zeit wird alles heilen!”

Wir haben ein Telefoninterview mit dem ehemaligen Außenminister der Tschetschenischen Republik Itschkeria, Iljas Achmadow, gefĂŒhrt. Wir sprachen ĂŒber sein kĂŒrzlich erschienenes Buch sowie ĂŒber aktuelle Themen.

Waynakh Online: Herr Achmadow, in den letzten Jahren traten Sie in der Öffentlichkeit nicht auf und wir haben erst wieder von Ihnen gehört, als Ihr Buch kĂŒrzlich erschien. Können Sie uns sagen, was Sie in dieser Zeit gemacht haben?

Iljas Achmadow: 2005 wurde ich auf Befehl von Aslan Maschadows Nachfolger Abdul-Khalim Sadulajew aus meinem politischen Amt entlassen. Danach begann ich mein Privatleben und nutzte die gesamte Zeit, dieses Buch mit meiner Co-Autorin Miriam Lanskoy zu schreiben. Schließlich wurde es vor ein paar Wochen veröffentlicht. NatĂŒrlich habe ich wĂ€hrend dieser Zeit das Interesse an meiner Heimat nicht verloren und habe gewusst, was in Tschetschenien und im Nordkaukasus geschieht.

Waynakh Online: Nach unserem Kenntnisstand sind Sie der Autor eines Friedensplans fĂŒr den Russisch-Tschetschenischen Krieg. Es hatte wie erwartet keinen Einfluss auf die westlichen LĂ€nder, aber es wurde auf tschetschenischer Seite kritisiert. Was möchten Sie dazu sagen?

Iljas Achmadow: Ja, ich hatte einige Kritiker auf der tschetschenischen Seite. Alle meine Kritiker beschuldigten mich aufgrund der Wortwahl im Text. Allerdings mĂŒssen Sie verstehen, aus welcher Situation heraus dieser Plan geschrieben wurde. Ich habe nie gesagt, dass Tschetschenien ein Teil der Russischen Föderation ist oder dass wir ein Teil von Russland werden. Es ging um das Recht des tschetschenischen Volkes, einen eigenen Staat zu errichten. Es zielte darauf ab, den Westen einzubinden. Sie erinnern sich an die schreckliche Tat in Nord-Ost im Jahr 2002. Danach wollte niemand mehr ĂŒber die Lage in Tschetschenien sprechen und darĂŒber, den Krieg zu beenden. In der Zwischenzeit tötete Russland weiterhin Tausende und Abertausende Zivilisten. Und wenn ich in dieser Zeit versuchte, mit irgendwelchen Politikern zu sprechen, sagten sie mir, dass ich immer darĂŒber sprach, den Krieg zu beenden, aber ob ich denn nĂ€here Angaben, irgendwelche Standpunkte in dieser Angelegenheit hĂ€tte. NatĂŒrlich besprach ich das Problem dann mit Aslan Maschadow und dieser Plan entstand (der Plan wurde von meinem Stellvertreter Roman Khalilov geschrieben und meine Aufgabe war es, dafĂŒr zu werben). Ich muss hinzufĂŒgen, dass ich in politischen Fragen ausgebildet bin, da ich Absolvent einer politikwissenschaftlichen FakultĂ€t bin. Ich wusste also, worĂŒber ich sprach. Ich wusste, dass dieser Plan nicht unmittelbar funktionieren wĂŒrde, aber es war eine gute Gelegenheit, Fragen ĂŒber die Beendigung des Krieges in Tschetschenien aufzuwerfen und politische Lösungen fĂŒr diesen Konflikt zu finden. Das erste Mal wurde eine solche Initiative zur Tschetschenien-Frage von 130 Mitgliedern des EuropĂ€ischen Parlaments unterstĂŒtzt.

Waynakh Online: Wie bewerten Sie das Verhalten der Vereinigten Staaten oder der westlichen LĂ€nder hinsichtlich des Kriegs in Tschetschenien? Man zog es vor, die Augen vor dem Russisch-Tschetschenischen Krieg zu schließen. Was denken Sie darĂŒber?

Iljas Achmadow: Leider handelt es sich dabei um den Zynismus der Realpolitik. Ich hatte meine eigenen schlechten Erfahrungen gemacht, als ich Einfluss in den westlichen LĂ€ndern fand. Aber ich konnte es nicht zum Erfolg fĂŒhren. Vor allem nach 2001, als die USA und die europĂ€ischen LĂ€ndern begannen zu denken, die Russische Föderation wĂ€re ihr Begleiter im Kampf gegen den Terrorismus. Allerdings sind der Terrorismus in seiner Form im Nordkaukasus und der Terrorismus in seiner Form im Nahen Osten völlig unterschiedlich. Diese Terroristen haben ganz andere BeweggrĂŒnde. Russland setzt den Staatsterrorismus gegen die Zivilbevölkerung ein und aus diesen GrĂŒnden bekommen sie dafĂŒr die Antworten. Die Vereinigten Staaten oder die westlichen LĂ€ndern schlossen ihre Augen mit unterschiedlichen Zielsetzungen. Auch heute noch wird niemand, der eine offizielle Position in den USA oder Westeuropa innehat, die Begriffe “Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung” oder “massive Tötungen in Tschetschenien” verwenden. Ein Viertel der tschetschenischen Bevölkerung wurde ohne jegliche Gerechtigkeit getötet und alle Siedlungen wurden von Russland zerstört. 1999 hatte Russland nur ein Problem und das war Tschetschenien, aber die russische Politik bringt den Terrorismus hervor und nun haben Sie Probleme im gesamten Nordkaukasus. Allerdings hat Russland kein Programm, keinen Mechanismus oder Standpunkt zur Lösung dieses Problems. Vor Kurzem wurde ein Bombenanschlag im Domodedovo-Flughafen in Moskau verĂŒbt. Das kommt von der russischen Politik, aber Russland wirft stets anderen Gruppen oder Staaten Terrorismus vor. Das ist nicht wahrheitsgemĂ€ĂŸ. Gleichzeitig ist auch allen westlichen LĂ€ndern bewusst, dass das nicht wahr ist. Aber sie setzen ihr Spiel mit Russland fort, da sie russisches Gas, Benzin oder den Transit nach Afghanistan benötigen. Ich glaube, der Westen nutzt diese Positionen und treibt Russland zu großen Problemen wie diesen.

Waynakh Online: Lassen Sie uns ĂŒber Ihr Buch sprechen. Wie beschreiben Sie Ihr Buch fĂŒr diejenigen, die es noch nicht gelesen haben?

Iljas Achmadow: Das Buch handelt vor allem von den Beziehungen der Tschetschenen untereinander und den Problemen des Widerstands. Wir haben versucht zu analysieren, was passiert ist. Russlands grauenhafte Politik gegenĂŒber der unabhĂ€ngigen Tschetschenischen Republik Itschkeria ist bekannt und wurde verstanden, aber unsere Fragestellung gilt nicht Russland. Welche Art von Problemen trat auf unserer Seite auf, als die Teilung innerhalb der tschetschenischen Bewegung begann? NatĂŒrlich geht es auch um unsere FĂŒhrerschaft. Es wurde sehr viel geschrieben ĂŒber Dudajew, Maschadow und Bassajew. Aber das ist nur Propaganda. Ich war ein normaler BĂŒrger und Soldat zu Beginn der russischen Besatzung. Ich war nicht sehr eng mit Dudajew, aber ich war wĂ€hrend des ersten Russisch-Tschetschenischen Kriegs sehr nah zu Schamil Bassajew und Aslan Maschadow. Es war ganz anders als die russische Propaganda es beschrieb oder auch anders als das, wie es westlichen Beobachtern schien. Ich habe versucht, so viel wie möglich aus meiner Sicht zu erklĂ€ren und ĂŒber meine Erfahrungen zu schreiben als jemand, der diese Menschen kannte, wie sie Entscheidungen trafen, wie sie in einigen Situationen und besondere Ereignissen in dieser Zeit agierten. Neben meinen Erinnerungen haben wir Miriam Lanskoy als externe Beobachterin mit ihren Forschungen ĂŒber Tschetschenien herangezogen. Ich denke, dass es lesbar ist. Ich hoffe, dass es seinen Zweck erfĂŒllt und die Menschen verstehen, was passiert ist. Wie Zbigniew Brzezinski, der das Buch vorgestellt hat, sagte: “Das Volk, das seine Vergangenheit nicht kennt, wird nie eine Zukunft haben …”

Waynakh Online: Nach der PrĂ€sentation Ihres Buches, verurteilte zuerst das russische Außenministerium die USA und dann organisierte eine russische Jugendbewegung eine Protestversammlung in Moskau. Was halten Sie davon?

Iljas Achmadow: Es ist der traditionelle Schwachsinn der russischen BĂŒrokratie. Es ist sehr lustig, selbst wĂ€hrend der Sowjetzeiten hat das russische Außenministerium nie die Herausgabe eines Buchs verhindert. Es ist das erste Mal, dass so etwas geschieht. Ich habe keine ErklĂ€rung dafĂŒr.

Waynakh Online: Könnten Sie die aktuelle Situation in Tschetschenien beschreiben?

Iljas Achmadow: Die auslĂ€ndischen Beobachter und Journalisten, die nach Tschetschenien gehen, sprechen nur ĂŒber neu gebaute HĂ€user. Aber das hat keine Bedeutung fĂŒr die Menschen, und es bedeutet auch nicht, dass Ramsan Kadyrow mehr UnabhĂ€ngigkeit bringt als Dschochar Dudajew oder Aslan Maschadow. Das ist nicht wahr. Ramsan Kadyrows Regierung ist eine russische Regierung. Ramsan Kadyrow ist keine unabhĂ€ngige Person, er ist nur ein russischer Angestellter. Und auch jetzt ist Ramsan Kadyrow sehr zweckmĂ€ĂŸig fĂŒr alle. Beispielsweise wenn wir den Westen nehmen, was auch immer in Tschetschenien passiert, sie sprechen nur ĂŒber Kadyrow und kritisieren ihn nur. Aber Kadyrow hat nicht 250.000 Menschen getötet oder auch nicht alle StĂ€dte und Dörfer in Tschetschenien zerstört. Durch Ramsan Kadyrows Existenz hat der Westen einen guten Grund, Moskau, die Kreml-Politik oder die russischen Kriegsverbrechen in Tschetschenien nicht direkt zu kritisieren. Aber auf der anderen Seite ist Ramsan Kadyrow eines der besten Werkzeuge fĂŒr die russische Kolonialpolitik im Nordkaukasus und vor allem in Tschetschenien. Heute hat das tschetschenische Volk keine Rechte in Tschetschenien. Die tschetschenische Bevölkerung hat nur ein Recht, ohne jegliche Gerechtigkeit getötet zu werden. All die neuen HĂ€user sind unbedeutend fĂŒr mich, es ist nichts fĂŒr die Menschen. In Tschetschenien hat heute rund 70% der Bevölkerung keine Aussicht auf Arbeit. Ich glaube auch, dass die pro-russische Regierung in Tschetschenien die tschetschenische MentalitĂ€t und die tschetschenischen Traditionen zerstört hat. Aber ich möchte noch einmal wiederholen, dass Ramsan Kadyrow nur ein Werkzeug ist in den HĂ€nden von Russland, das ist nicht Ramsans Politik, es ist die Politik des Kremls.

Waynakh Online: Was denken Sie ĂŒber die aktuellen Probleme der Politiker untereinander auf der Itschkeria-Seite?

Iljas Achmadow: Es sind typische Probleme zwischen emigrierten Politikern. Es ist nichts Neues, das sah man schon immer bei massenhaft politischen Auswanderern. Das ist normal. Ich muss darauf hinweisen, dass ich mit der Situation bei den tschetschenischen Politikern unglĂŒcklich bin, aber es ist keine Tragödie. Leider lĂ€uft das so zwischen allen politischen Emigranten nach solchen Ereignissen. Doch die Zeit wird alles heilen. Jetzt haben sie noch die Möglichkeit zu beobachten, wie Politik in westlichen LĂ€ndern lĂ€uft. Doch die Lösung dieser Probleme wird einige Zeit in Anspruch nehmen.

Waynakh Online: Wie sehen Sie die Zukunft der Tschetschenischen Republik Itschkeria?

Iljas Achmadow: Ich glaube, dass eines Tages, ich weiß nicht wann, aber eines Tages wird dieser Konflikt gelöst werden. NatĂŒrlich hĂ€ngt es von der russischen Seite ab, aber momentan sehe ich keine Zeichen von ihrer Seite. Russland verfĂŒgt nicht ĂŒber einen Mechanismus, Probleme im Nordkaukasus zu lösen oder im Hinblick auf den Krieg in Tschetschenien. Sie haben keine Programme und sehen keine Lösungen bei diesen Fragestellungen. Wenn Sie die nationale Politik Russlands begutachten, werden Sie deutlich erkennen, dass sich im Laufe der Jahrhunderte nichts in ihrer Politik verĂ€ndert hat. Wie man sieht funktioniert das einfach nicht mehr. Die Russen behaupten, sie seien in der Russischen Föderation ĂŒberlegen. Das ist unter Putin noch schlimmer geworden. Der Hass gegen ethnische Minderheiten drĂ€ngt sie weg von Russland. Sie werden sich daran erinnern, was gerade vor ein paar Wochen in Moskau passiert ist, all diese Faschisten marschierten und sagten “Russland den Russen!” Ich glaube nicht, dass Russland ĂŒber wirkliche Macht im Nordkaukasus verfĂŒgt. Man sieht, wie viele militĂ€rische Truppen in Tschetschenien und im Nordkaukasus stationiert sind. Dies ist ein Symbol der SchwĂ€che Russlands.

Waynakh Online: Seit einigen Jahren sind Sie auch Mitglied der neuen tschetschenischen Diaspora in den westlichen LĂ€ndern. Was denken Sie ĂŒber die Situation der neuen Diaspora? Glauben Sie, dass neue Diaspora-Mitglieder in der Lage sind, ihre nationale IdentitĂ€t, Sprache und Traditionen zu retten?

Iljas Achmadow: Vorab, in den Vereinigten Staaten haben wir eine sehr kleine Diaspora. Zum grĂ¶ĂŸten Teil kenne ich die Leute nicht. Ich kenne die Leute, die in meiner NĂ€he leben, aber wie Sie wissen haben die Vereinigten Staaten ein großes Territorium und es ist unmöglich, mit allen in Kontakt zu sein.

NatĂŒrlich ist die Auswanderung eine harte Erfahrung, vor allem fĂŒr das tschetschenische Volk. Als Mitglied der alten Diaspora mĂŒssten Sie von Ihren Eltern wissen, was ich meine. Die tschetschenischen Menschen halten sehr viel auf enge Beziehungen, Verwandte und Traditionen. Nach den schrecklichen Erfahrungen in ihrer Heimat stoßen sie auf Kulturen der ganzen Welt. In dieser Situation wird das ein Problem. Andererseits waren wir auch schon in Tschetschenien geteilt. Manche teilen die Menschen auch in der Diaspora noch weiter.

Ich will nicht sagen, dass es nur Probleme gibt. Wenn ich mir anschaue, was los ist in den westeuropĂ€ischen LĂ€ndern, in denen Zehntausende Tschetschenen leben, sehe ich großartige Dinge. Zum Beispiel haben es einige in der Diaspora geschafft, kulturelle Organisationen zu grĂŒnden mit ihren Veranstaltungen und AktivitĂ€ten. Auch sehe ich, dass viele junge tschetschenische MĂ€nner und Frauen in sehr berĂŒhmten UniversitĂ€ten und Institutionen studieren. Es ist wirklich ungewöhnlich fĂŒr uns und es ist wundervoll. Das ist eine große Hoffnung fĂŒr unser Land und unsere Zukunft.

Waynakh Online: Möchten Sie noch etwas hinzufĂŒgen oder haben Sie eine Mitteilung an unsere Leser?

Iljas Achmadow: Wenn wir bedenken, dass viele Ihrer Besucher Diaspora-Mitglieder aus westeuropĂ€ischen LĂ€ndern sind, dann möchte ich eigentlich nur sagen, sie sollen so viel wie möglich lesen und studieren. Die Auswanderung ist etwas Schreckliches und wir mĂŒssen auf die Konsequenzen vorbereitet sein. Das Wichtigste ist die Bildung. Das war ein großes Problem fĂŒr das tschetschenische Volk. Ich meine damit nicht, dass das tschetschenische Volk keine Bildung mag oder sie keine gebildeten Menschen sind. Ich spreche einfach die RealitĂ€t aus, dass sie nicht die Möglichkeit auf eine gute Ausbildung in der Sowjet- oder Zarenzeit bekamen. Das tschetschenische Volk wurde immer unterdrĂŒckt. Jetzt ist die Zeit gut. Alles ist in unserer Hand.

Waynakh Online: Herr Achmadow, vielen Dank fĂŒr Ihre Zeit und fĂŒr das Interview.

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