Offener Brief der tschetschenischen Diaspora in der Türkei
Aus Medienberichten geht hervor, dass das dem pro-russischen Regime in Tschetschenien zugeordnete „Ministerium für Nationale Politik, Auswärtige Beziehungen, Presse und Information“ eine offizielle Einladung an die tschetschenische Diaspora in der Türkei ausgesprochen und dabei die vollständige Übernahme sämtlicher Kosten zugesichert hat. Infolge dieser Einladung haben in den vergangenen Tagen einige Nachkommen jener Familien, die insbesondere in den 1860er Jahren zur Auswanderung gezwungen waren, eine Reise in die angestammte Heimat (Daymohk) unternommen.
Der Zweck der Einladung wird als „die Entwicklung der Beziehungen zu den Landsleuten, die Bewahrung der spirituellen und kulturellen Bindungen zur historischen Heimat sowie die Teilnahme an Aktivitäten zur Förderung der ethnischen und interreligiösen Harmonie“ angegeben.
Selbstverständlich ist es als Nachkommen unserer Vorfahren, die vor 166 Jahren ihre Heimat verlassen mussten, das natürlichste Recht jedes Tschetschenen auf der Welt, Daymohk (die angestammte Heimat) zu besuchen, die Orte zu sehen, an denen unsere Großväter lebten, Verwandte zu finden und die Sehnsucht zu stillen. Solche Besuche müssen unbedingt stattfinden und sind in jeder Hinsicht begrüßenswert. Doch ist es inakzeptabel, dass diejenigen, die an solchen Einladungen unter dem Vorwand der Stärkung spiritueller Bindungen teilnehmen, zu Propagandamaterial für die lokalen Kollaborateure der Besatzer werden und in den organisierten Gehirnwäsche Sitzungen schweigend Verleumdungen gegen unsere Märtyrer anhören, die ihr Leben für die Freiheit ihrer Heimat geopfert haben.
Die Tatsache, dass einige Personen, die einst behaupteten, im Kampf für die Unabhängigkeit der Tschetschenischen Republik gekämpft zu haben und die es als Ehre betrachteten, die tschetschenische Freiheitsbewegung zu unterstützen, heute enge Beziehungen zu einem Regime unterhalten, das jeden, der an diesem Freiheitskampf teilgenommen oder ihn unterstützt hat, als Terroristen bezeichnet, ist nicht nur eine politische Inkonsistenz, sondern auch ein moralischer und ethischer Zusammenbruch.
Denn das heutige Regime ist kein gewöhnliches Regierungssystem. Es handelt sich um ein System, das offen mit der russischen Kriegspolitik kooperiert, die für den Tod von Hunderttausenden unschuldiger Tschetschenen verantwortlich ist, und das ein Klima der Angst und Unterdrückung über sein eigenes Volk errichtet hat. Dass diejenigen, die einst unter russischen Bombardierungen das Leid des tschetschenischen Volkes beschrieben, heute mit den lokalen Kollaborateuren dieses Systems an einem Tisch sitzen und von ihnen Orden und Medaillen erhalten, ist eine schwere Bürde und ein sowohl moralisch als auch historisch nicht zu rechtfertigender Widerspruch.
Die Aktivitäten dieses Regimes beschränken sich nicht nur auf Tschetschenien, seine Ausläufer (Nachwirkungen) haben auch die Diaspora in der Türkei erreicht. Drohungen, Druck, Morde und dunkle Verbindungen gegen tschetschenische Oppositionelle in der Türkei sind seit Jahren bekannt. Eines der schmerzhaftesten Beispiele ist die Ermordung des verstorbenen Medet Önlü in Ankara. Dieser Mord ist im Gedächtnis der Diaspora nicht nur der Tod eines Menschen, sondern eine blutige Botschaft einer Politik der Angst an die tschetschenische Diaspora in der Türkei.
Leider wurde selbst auf die Antwort „Wir hören diesen Namen Medet zum ersten Mal“ seitens der Vertreter des Regimes lediglich mit einer Antwort wie „Vielen Dank für Ihre aufrichtige Antwort“ reagiert, die einem das Herz bluten lässt.
Dasselbe Verständnis wird heute weiterhin mit unterschiedlichen Methoden gegenüber tschetschenischen Flüchtlingen in der Türkei angewandt. Gegen Menschen, die in den letzten dreißig Jahren aufgrund fehlender Sicherheit ihre Heimat verlassen mussten und in der Türkei Zuflucht gesucht haben, werden selbst für in der Türkei geborene Kinder angebliche „Terrorverbindungen“ über Interpol durch gefälschte Fahndungscodes erstellt. Es wird versucht, diesen Menschen unter schwierigen Bedingungen das Aufenthaltsrecht, das Arbeiten und die Versorgung ihrer Familien, die Bildung ihrer Kinder und sogar ihre medizinische Behandlungen, Versorgungen im Krankenhaus zu verweigern.
Die Teilnahme an der offiziellen Einladung eines solchen Regimes, das Anhören seiner Propaganda, die unsere Märtyrer verleumdet, und das Präsentieren von Medaillen, deren Zweck unklar ist, als eine Art Ehre, kann nicht nur als politische Entscheidung erklärt werden. Dies ist eine Frage, die sowohl moralisch, ethisch als auch religiös zu hinterfragen ist.
Unter den heutigen Bedingungen hat kein in der Diaspora in der Türkei lebender Tschetschene die Priorität, sich mit dem Regime in Tschetschenien auseinanderzusetzen. Doch während Hunderttausende unserer Landsleute, die in den letzten dreißig Jahren, ähnlich wie im Exil von 1944, ihre Häuser, Eltern, Verwandten, Gräber und alle Erinnerungen zurücklassen mussten und unter schwierigen Bedingungen leben, vor unseren Augen stehen, ist das Händeschütteln und fröhlichem Posieren mit Vertretern des für dieses Leid verantwortlichen Regimes weit mehr als nur sich fotografieren zu lassen. Es geht darum, ob man auf der Seite der Unterdrückten steht oder zur Legitimierung von Unterdrückung beiträgt.
Das tschetschenische Volk ist ein Volk, das Exile, Vertreibungen, Kriege, Verluste und Verrat erlebt hat. Über die Leiden dieses Volkes zu sprechen und dann mit den Verantwortlichen dieses Leidens Seite an Seite aufzutreten, ist eine große Respektlosigkeit gegenüber dem Andenken der Märtyrer, den Familien der Vermissten und den noch immer bedrohten Menschen.
Aus diesem Grund rufen wir unsere Landsleute, die ihre angestammte Heimat besuchen, dazu auf, sich nicht unwissentlich oder durch überstürzte Umstände an solcher Propaganda und Unterdrückung zu beteiligen. Diejenigen, die bewusst daran festhalten, überlassen wir dem unfehlbaren Gewissen der Geschichte und der Gerechtigkeit Allah’s. Jedoch sollte jeder wissen, dass die tschetschenische Diaspora in der Türkei, wie schon in früheren Versuchen, auch diesmal keine Fünfte Kolonne Aktivitäten akzeptieren und deren Pläne vereiteln wird.
Die Geschichte schreibt Menschen manchmal nicht nach ihren Worten, sondern danach, wann und an wessen Seite sie standen. Und keine Medaille, keine offizielle Einladung und keine Propagandadarstellung kann das Gewissen angesichts der Wahrheit zum Schweigen bringen.
19.05.2026
Tschetschenische Diaspora in der Türkei
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