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Waynachische Ethik von Edi Isaev

Bereitgestellt von am Thursday, 6 March 2014.    186 views Kein Kommentar
Waynachische Ethik von Edi Isaev

Wir haben eine Zusammenfassung erstellt aus dem Buch “Waynachische Ethik” ĂŒber BrĂ€uche und Traditionen, geschrieben von Edi Isaev. Es ist ein Ă€ußerst wichtiges Werk. Edi Isaev ist ein Historiker, Professor der Chechen State University, Autor und Publizist, der seine Werke an die Jugendlichen richtet. EinfĂŒhrend bemerkt er: “Die Regeln der waynachischen Ethik sind die Kodizes der menschlichen Weisheiten, die ihre Ideale reflektieren.”

Das Buch ist lehrreich. Es beinhaltet Ansichten ĂŒber Moralvorstellungen von Denkern verschiedener Völker und Zeiten, wie Epikur, Konfuzius, A. S. Makarenko und L. N. Tolstoi. Das zweite Kapitel ist den ethischen Normen der Tschetschenen gewidmet. Das dritte Kapitel betrachtet im Detail den traditionellen Ehrenkodex der Familie. Das letzte Kapitel ist den ethischen Normen im Islam gewidmet.

Die Abhandlungen des Buches “Waynachische Ethik” von Edi Isaev sind den BrĂ€uchen und Traditionen der Tschetschenen gewidmet.

Das Ethos der Taips

ethos-of-taipSeit dem 16. Jahrhundert leben die Tschetschenen in unterschiedlichen patriarchalischen Familienclans oder “Taips” (aus dem arabischen “Taifa” – Gruppe, Kreis, Gemeinschaft). Jeder Taip entwickelte sich allmĂ€hlich zu einem Baum mit Seitenzweigen oder “Tars”. Jeder “Tar” entwickelte sich zu einem eigenen “Taip”. Jeder in einem Tar wusste den Namen der GrĂŒndervĂ€ter seines / ihres Tars. Von jedem Tschetschenen wurde zusĂ€tzlich erwartet, die Namen von mindestens 20 Vorfahren zu kennen.

Insgesamt gibt es mehr als 135 tschetschenische Taips. Mehr als 20 bestehen oder bestanden aus assimilierten Nachkommen von Nicht-Tschetschenen, die sich bei den Tschetschenen zu unterschiedlichen Zeiten und Bedingungen eingliederten. Jeder Taip hatte ein obligatorisches Ethos und je höher der soziale Rang eines Mannes innerhalb des Taips, desto strikter musste er sich an dieses Ethos halten.

Jedes Ethos verfĂŒgte im Innersten ĂŒber Prinzipien, die wir heute “Freiheit, UnabhĂ€ngigkeit und BrĂŒderlichkeit” nennen. Es beinhaltete auch die gegenseitige Hilfe, den Respekt gegenĂŒber den Älteren und vornehmes Benehmen gegenĂŒber Frauen. Diese Prinzipien waren alltĂ€gliche BrĂ€uche. Jemand, der diese Prinzipien verletzte, wurde von den Artgenossen des Taips verachtet, unabhĂ€ngig von seinem oder ihrem Rang innerhalb des Taips. Die Menschen wĂ€hlten im Namen des TĂ€ters einen Standort am Straßenrand fĂŒr den sogenannten “Verdammungshaufen” und warfen Steine sowie Erde auf diesen Haufen. Jeder Stein und Brocken stand fĂŒr Worte der Anklage in Bezug auf den Mann oder die Frau, dessen/deren Name mit dem Haufen assoziiert wurde.

In seinem Buch “Das Ethos der Taips” fĂŒhrt Professor E. Isaev an, dass die Taips auch heute noch relevant sind, da deren Verhaltensregeln bei der Erziehung der Kinder eine große Rolle spielen.

“Yah” – die wichtigste Tugend bei einem Mann

yahTschetschenische Heldengeschichten, Lieder, Fabeln und Parabeln enden hĂ€ufig mit dem Satz “Möge keine Mutter jemals einen Sohn ohne ‘Yah’ gebĂ€ren!”

Die Professoren I. Alirojev und D. Medzhidov Ă€ußerten sich in ihrem Buch “Die BrĂ€uche, Traditionen und Regeln des tschetschenischen Volkes (Grosny, 1992)”, wie folgt: “Wenn man ĂŒber eine Person hört, dass diese kein ‘Yah’ hat, bedeutet das, die Person wird nicht respektiert. Zu sagen “Er hat kein Yah” heißt genauso gut, er ist kein Mann. Zu Ă€ußern, ein Mann besitzt “Yah” ist das grĂ¶ĂŸtmögliche Lob. Ein Mann mit “Yah” ist ein Vorbild, den man nachahmen will. Er besitzt alle QualitĂ€ten, die die Waynachen als positiv bewerten in ihrem Ehrenkodex.

“Yah” (verwandt mit “yuh” Gesicht, Haltung, annehmbare Erscheinung) umfasst StĂ€rke, Tapferkeit, Mut und Heldenhaftigkeit, aber lĂ€uft nicht darauf hinaus.

Der russische Lehrer Adama Dolatov, der sich bei Sammlungen zur waynachischen Volkskunde verdient gemacht hat, lenkt die Aufmerksamkeit auf relevante Kapitel des “Yahian Kostash” (“Anordnungen zu Anstand und WĂŒrde”), eine festgeschriebene Sammlung traditioneller, ethischer Prinzipien des waynachischen Volkes: “Gewinne tiefstmöglichen Einblick in dich selbst und deine Abstammung. Erhalte dein “Yah”. Verliere nie Anstand und WĂŒrde. … Du bist sterblich. Habe nie Angst vor dem physikalischen Tod. Das Einzige, wovor man sich fĂŒrchten muss, ist das Leben ohne Anstand, WĂŒrde, Seele, Glaube oder “Yah”. Derjenige, der diese verliert, verliert auch die Freiheit.”

Weitere Elemente des “Yah” beinhalten Bescheidenheit, MĂ€ĂŸigung, GroßzĂŒgigkeit, Verantwortung gegenĂŒber den BedĂŒrfnissen anderer Menschen und auch das Streben nach öffentlicher Anerkennung, indem beste Ergebnisse erzielt werden bei der Arbeit, im Kampf, beim Sport, bei der UnterstĂŒtzung der Anderen und ZurĂŒckhaltung beim Anstellen fĂŒr Auszeichnungen.

GemĂ€ĂŸ dem Kodex der waynachischen Familien mĂŒssen die Eltern ihren Kindern Wettbewerbsdenken anerziehen. “Yah” setzt hohe WettbewerbsfĂ€higkeit voraus bei denen, die es haben.

Eingeschworene Bruderschaft

sworn-brotherhood“Ein ehrenwerter Mensch hat immer Freunde” besagt ein tschetschenisches Sprichwort. Eine eingeschworene Bruderschaft ist die Höchstform einer Freundschaft. Tschetschenen ehren jahrhundertealte BrĂ€uche und ethische Regeln wurden von einer Generation zur anderen weitergegeben, anhand von Werken, MĂ€rchen und Legenden.

Die Ethik der eingeschworenen Bruderschaft im multinationalen Tschetschenien wird seit langer Zeit als Grundlage fĂŒr Beziehungen der Menschen untereinander betrachtet. Es wird als Verwandtschaft angesehen, ist gegenĂŒber Freunden jedoch bedeutender als gegenĂŒber Verwandten. Unachtsamkeit oder Unhöflichkeit gegenĂŒber einem Bruder kann vergeben werden, nicht aber gegenĂŒber einem Freund.

Wie eine freundschaftliche Verbindung geschlossen wird? Es gibt 3 Arten der Bruderschaft. Die Erste ist das GelĂŒbde vor Freunden und den Älteren. Die Zweite ist das Trinken von Milch aus einer einzigen Tasse, welches Treue symbolisiert. Ein Goldring in der Tasse soll das “Rosten” der Freundschaft verhindern. Die Dritte ist das Vermischen von Blut. FĂŒr diesen Zweck schneiden sich die BrĂŒder in die Finger und vermischen ihre Blutstropfen. Nach einem dieser Rituale tauschen die BrĂŒder FilzmĂ€ntel und andere Dinge aus, die die eingeschworene Bruderschaft symbolisieren. Über die DurchfĂŒhrung dieses Rituals werden alle Bekannten und Freunde informiert.

BerĂŒhmte russische Autoren wie Alexander Puschkin, Michail Lermontow und Lew Tolstoi, die die Lebensweise und BrĂ€uche der Bewohner des Hochlands kennen, schrieben ĂŒber die Tradition der eingeschworenen Bruderschaft. Lew Tolstoi hatte freundschaftliche Beziehungen zu vielen Bewohnern des Hochlands und beschrieb sie als eingeschworene BrĂŒder. Er schrieb Folgendes ĂŒber seinen eingeschworenen Bruder Sado Miserbiev: “Er bewies seine Treue, indem er sein Leben riskierte. Aber das bedeutete ihm nichts, es war ein Brauch und eine Freude fĂŒr ihn.” Es ist bekannt, dass Sado Miserbiev Lew Tolstoi ein Schwert schenkte als Symbol wahrer Freundschaft. Tschetschenen schenken Waffen nur wahren Freunden. Das Schwert befindet sich nun im Lew Tolstoi Museum in Moskau.

Tschetschen und ihre Einstellung zu Arbeit

workDie Waynachen schĂ€tzen das Leitbild des “Khianal”, das man sich durch harte Arbeit verdient. Und Tschetschenen legen sehr viel Wert auf das Streben nach kreativem Schaffen. Von der frĂŒhesten Kindheit an versuchen sie ihre Kinder so zu erziehen, dass sie mĂŒhevolle Arbeit respektieren. Eine sehr alte tschetschenische Parabel handelt genau davon.

Der Vater rief nach seinem Sohn und gab ihm 1 Rubel. Er befahl ihm: “Geh und wirf es in den Fluss.” Sofort fĂŒhrte der Sohn den Befehl aus. Etwas spĂ€ter schlug der Vater vor, dasselbe mit 10 Rubeln zu machen und danach mit 100 Rubeln. Sein Sohn tat ihm diesen Gefallen. Dann kam der Tag, an welchem der Sohn sein eigenes Geld verdiente. Als er sein erstes Geld verdient hatte, brachte er es seinem Vater, um ihn zu erfreuen. Der Vater jedoch schlug vor, dieses Geld in den Fluss zu werfen. Der Sohn war entrĂŒstet: “Was meinst du damit, in den Fluss werfen, wo ich doch so hart dafĂŒr gearbeitet habe, es zu verdienen?” Der Vater antwortete: “Sohn, du warst aber auch nicht bestĂŒrzt darĂŒber, 110 Rubel, die ich dir gab, in den Fluss zu werfen. Ich hatte auch hart dafĂŒr gearbeitet.” So lernte der Sohn den Wert des Geldes, welches man sich hart erarbeiten muss.

Die respektvolle Einstellung zur Arbeit wird betont durch die sehr alte tschetschenische Tradition der Arbeitsteilung. Zum Beispiel bei der Ernte. Oder in einem Haushalt, das seinen ErnÀhrer verloren hat. In diesem gebirgigen Land wurden die SteinhÀuser zusammen gebaut, alle Mitglieder der Gemeinde halfen Seite an Seite mit Kindern und Erwachsenen.

“Lasst uns nach dem ‘Belchi sehen”, eine jahrhundertealte Tradition – schreibt E. Isaev im Buch “Waynachische Ethik”, wenn niemand eingeladen wurde, aber sie aus eigenem Willen kamen, um ihren Nachbarn zu helfen, eifrig und froh, jemandem helfen zu können, der die Hilfe benötigt. “Belchi” ist die Art von Arbeit, welches charakterisiert wird durch die Hilfe, das Erbarmen und die WohltĂ€tigkeit zum Wohl der Gesellschaft. Das Leitbild des “Belchi” ist von jeher ein Teil der waynachischen Lebensgewohnheiten. Es schließt das Streben nach guten Taten, brĂŒderlicher Selbstlosigkeit und Freundschaft mit ein. Mehr als einmal haben wir Situationen erlebt, in welchen man diese Eigenschaften sehen konnte. Man erinnere sich an die Erdrutsche in den Bergen von Noschai-Jurt zwischen 1991 und 1993.

Hunderte und tausende BĂŒrger unserer Republik, aus Dagestan und Inguschetien kamen den Verletzen zu Hilfe. Als sich in Dagestan und Armenien Ähnliches ereignete, waren die Tschetschenen eines der ersten Völker, die reagierten. Und es gibt weitere, Ă€hnliche Beispiele. Man ist sich sicher, dass die Ethik des Erbarmens fĂŒr immer in den tschetschenischen und inguschischen Traditionen verankert sein wird. In den Bergen stehen immer noch große, ebenmĂ€ĂŸige TĂŒrme, die durch die Vorfahren vereint wurden und die Waynachen darstellen. Die Jahrhunderte stehen still. Man könnte sie als “spirituelle TĂŒrme der Menschen” bezeichnen. Und die Menschen befolgen “Belchi”, da die TĂŒrme der GĂŒte und Selbstlosigkeit immer in ihren Seelen stehen werden.

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