{"id":706,"date":"2014-02-25T17:20:41","date_gmt":"2014-02-25T14:20:41","guid":{"rendered":"http:\/\/waynakh.com\/de\/?p=706"},"modified":"2014-05-31T17:24:48","modified_gmt":"2014-05-31T14:24:48","slug":"vortrag-von-sakajew-am-23-februar-in-brussel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/waynakh.com\/de\/2014\/02\/25\/vortrag-von-sakajew-am-23-februar-in-brussel\/","title":{"rendered":"Vortrag von Sakajew am 23. Februar in Br\u00fcssel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Am 22. Februar fand eine internationale Konferenz in Br\u00fcssel\/Belgien statt. Anlass war der 70. Jahrestag der Deportation des gesamten Tschetscheno-Inguschischen Volkes durch das sowjetische Regime am 23. Februar 1944. Achmed Sakajew, Premierminister der Tschetschenischen Republik Itschkeria, hielt eine Rede \u00fcber das tragische Ereignis.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Wie folgt:<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Liebe Landsleute!<\/strong><br \/>\n<strong> Liebe Freunde!<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 23. Februar 1944, auf dem H\u00f6hepunkt des Zweiten Weltkriegs, wurde auf Beschluss der sowjetischen Regierung das gesamte waynachische Volk (Tschetschenen und Inguschen) nach Zentralasien deportiert. Die Deportation fand unter Anwendung von barbarischsten Ma\u00dfnahmen statt und in Folge dieser grausamen Aktionen kamen Hunderttausende von Menschen durch Hunger, K\u00e4lte, Krankheiten und im Kugelhagel der Vollstrecker um. Alle Waynachen nehmen diese Trag\u00f6die bis heute als pers\u00f6nlichen Schmerz wahr, da es in Tschetschenien und Inguschetien keine einzige Familie gibt, die keine Angeh\u00f6rigen verloren hat. Der Schmerz und die tragischen Verluste, die das waynachische Volk erleiden musste, sind keineswegs nur abstrakte Geschichten f\u00fcr die Tschetschenen und Inguschen. Nichts und niemand kann diese Katastrophe aus dem kollektiven Ged\u00e4chtnis des Volkes l\u00f6schen. Zwei weitere grausame Kriege mussten die Tschetschenen in der j\u00fcngsten Vergangenheit durchleben und der andauernde Guerillakampf sowie der daraus resultierende Terror durch die russischen Straforgane haben die Vergangenheit und die Gegenwart zu einem einzigen tragischen Knoten verkn\u00fcpft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der russischen Geschichtsschreibung wird die Deportation der nordkaukasischen V\u00f6lker \u201e<strong>Stalins Deportation<\/strong>&#8221; genannt. Die Opfer dieses Genozids stellen die Bedeutung dieses Ausdrucks nicht in Frage, und verwenden es, um den Akt des Genozids sprachlich zu bezeichnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedoch steckt hinter dieser Definition der Versuch, den Ansatz der \u201cpers\u00f6nlichen Verantwortung Stalins\u201d in den Gedanken der gesamten Weltbev\u00f6lkerung und den Opfern des Genozids zu verankern, anstatt die volle Schuld f\u00fcr dieses Verbrechen zu Fu\u00dfe des russischen Staates anzuerkennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch die Pr\u00fcfung historischer Dokumente zeigt sehr deutlich, dass der Genozid am tschetschenischen Volk eine Konstante in der Politik des russischen Staates war, die unter jedem sozio-politischen Regime praktiziert wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Vorhaben einer \u201cdemokratischen Verfassung\u201d, welche durch Pawel Pestel entworfen wurde, einer der F\u00fchrer und der Hauptideologen der russischen Dekabristen, und 1823 durch seine Gef\u00e4hrten genehmigt wurde, zeigt deutlich auf, dass die Idee der Deportation der kaukasischen V\u00f6lker eines der Doktrinen der russischen Staatspolitik zu Beginn des 19. Jahrhunderts war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Folgendes schlugen die liberal denkenden Dekabristen in ihrem Verfassungsentwurf in Bezug auf die V\u00f6lker des Kaukasus einschlie\u00dflich der Tschetschenen vor:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>&#8220;Alle V\u00f6lker des Kaukasus in zwei Kategorien zu teilen: friedlich und gewaltt\u00e4tig. Die Ersteren sollten in ihren Wohnst\u00e4tten bleiben und in das russische System der Gesellschaft und der Regierung eingef\u00fchrt werden, wohingegen die Zweiteren zwangsumgesiedelt werden sollten ins Innere Russlands, geteilt in Gr\u00fcppchen in allen Regionen Russlands. Russische Siedlungen sollten quer \u00fcber den Kaukasus errichtet werden und den russischen Einwohnern sollten die von den Gewaltt\u00e4tigen konfiszierten L\u00e4ndereien \u00fcbergeben werden. Das ist der Weg, um im Kaukasus auch die kleinste Spur ihrer fr\u00fcheren Bewohner zu verwischen und die Region in ein sicheres und wohlhabendes russisches Gebiet zu verwandeln.&#8221;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie man diesem Auszug entnehmen kann, war der wahrhaftige Autor des Vorhabens der Deportation, welche verschiedene kaukasische V\u00f6lker miteinschloss, nicht der blutr\u00fcnstige Diktator Josef Stalin, sondern ein Liberaler und ein Demokrat, Pawel Pestel. Es muss dazu gesagt werden, dass der russische Kaiser Nikolaus I., der Pawel Pestel mit f\u00fcnf weiteren Initiatoren des misslungenen Dekabristenaufstands erh\u00e4ngen lie\u00df, zum Kaukasus und seinen V\u00f6lkern eine \u00e4hnliche Einstellung hatte wie die von ihm exekutierten Dekabristen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das l\u00e4sst sich aus dem ber\u00fchmten Bescheid ersehen, den Nikolaus I. seinem Gouverneur im Kaukasus, General Paskewitsch, zusandte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201cNach der Vollendung dieser edlen Tat (Russisch-T\u00fcrkischer Krieg) werden Sie sich jetzt einer Neuen annehmen, die, nach meiner Meinung, nicht weniger glorreich ist und aus Sicht des unmittelbaren Nutzens sogar noch bedeutungsvoller ist. Ich spreche \u00fcber die endg\u00fcltige Unterwerfung der Bergv\u00f6lker bzw. die Ausrottung der Rebellen.\u201d<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Laufe der 60 Jahre des kaukasischen Krieges im 19. Jahrhundert wurde diese Maxime des russischen Kaisers fast buchstabengetreu umgesetzt: mehr als die H\u00e4lfte der tschetschenischen Bev\u00f6lkerung starb im Krieg, gefolgt von Zehntausenden Waynachen, die gezwungen waren zu fl\u00fcchten und nach Zentralasien umzusiedeln. Das Wort \u201ebeinahe&#8221; ist hier besonders angebracht, da es den Eroberern misslang, ihr Hauptziel im Kaukasus zu erreichen &#8211; die endg\u00fcltige Unterwerfung der Bergv\u00f6lker; nacheinander fanden gewaltt\u00e4tige Aufst\u00e4nde in gro\u00dfem Umfang gegen die russischen Kolonialherren statt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem das kommunistische Regime und Stalins Tyrannei zu einem Verbrechen erkl\u00e4rt wurden im Jahre 1991, bekannte sich Russland zu demokratischen Werten und Menschenrechten, darunter auch das Recht der V\u00f6lker auf Selbstbestimmung. Jedoch war der erste Krieg, der durch das neue demokratische Russland 1994 entfesselt wurde, erneut gegen das tschetschenische Volk gerichtet und zielte darauf ab, ihre Bestrebungen zur nationalen Befreiung zu untergraben. Abgesehen von der unmittelbaren Vernichtung von Hunderttausenden durch Bomben, Raketen, Artilleriefeuer und sonstigen Bestrafungsaktionen, hat die russische Regierung erneut die Idee der Deportation der Tschetschenen aus ihrer historischen Heimat zu Tage gef\u00f6rdert. Dies wurde von einem Geheimerlass getragen, herausgegeben vom russischen Verteidigungsminister Pawel Gratschow, der einer Gruppe von Ministerien bevorstand, die die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung in Tschetschenien im Dezember 1994 wiederherstellen sollten. Dieser Erlass zeugt von der Best\u00e4ndigkeit der Politik des russischen Staates in Bezug auf die tschetschenische Bev\u00f6lkerung:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eAn den Genossen Jegorow N.D., Jerin W.F., Stepaschin S.W.<\/em><br \/>\n<em> In Anlehnung an den Geheimerlass des Pr\u00e4sidenten der Russischen F\u00f6deration \u00ab\u00dcber die Ma\u00dfnahmen zur Wiederherstellung des Verfassungsrechts und der verfassungsm\u00e4\u00dfigen Ordnung auf dem Gebiet der Tschetschenischen Republik\u00bb wird die Einschleusung einer Division der Truppen des Innenministeriums und zweier Divisionen des Verteidigungsministeriums in die Tschetschenische Republik vorbereitet.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>In Anbetracht der voraussichtlichen Massen-, aber nicht organisierten Widerst\u00e4nde wird beschlossen, dass diese Handlungen dazu genutzt werden, eine MASSENDEPORTATION der \u00f6rtlichen Bev\u00f6lkerung durchzuf\u00fchren, unter dem Deckmantel eines organisierten R\u00fcckzugs aus der Kampfzone in andere Regionen der Russischen F\u00f6deration, die noch gesondert definiert werden&#8230;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Verteidigungsminister der Russischen F\u00f6deration,<\/em><br \/>\n<em> Vorsitzender der Gruppe,<\/em><br \/>\n<em><strong> General Gratschow<\/strong>\u201d<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Russland hat bereits verschiedene Zaren, Generalsekret\u00e4re der kommunistischen Parteien und Pr\u00e4sidenten sowie verschiedene politische Regimes erlebt: die Monarchie, abgel\u00f6st durch den Bolschewismus, die wiederum der Wegbereiter f\u00fcr die Demokratie war etc. Doch eines hat sich nie ge\u00e4ndert, die Agenda in Bezug auf die Tschetschenen \u2013 sie zu \u201eunterwerfen oder auszurotten&#8221;. Der langwierige Kaukasuskrieg im 18. und 19. Jahrhundert f\u00fchrte zur Ausl\u00f6schung von mehr als der H\u00e4lfte des gesamten tschetschenischen Volkes. F\u00fcr den Hass der Kommunisten auf rebellische Tschetschenen musste unser Volk einen hohen Preis zahlen &#8211; unterschiedlichen Sch\u00e4tzungen zufolge starben bis zu 70 Prozent in Folge von Repressionen, Hunger und K\u00e4lte beim Transport in ungeheizten Waggons, die eigentlich zum Viehtransport genutzt wurden, w\u00e4hrend der verheerenden K\u00e4lte im Februar 1944. Die j\u00fcngsten Kriege f\u00fchrten zur physischen Ausl\u00f6schung von bis zu einem Viertel der 1 Million Tschetschenen, unter ihnen 40.000 Kinder unter 12 Jahren. Mehr als 300.000 Tschetschenen wurden \u00fcber die ganze Welt verstreut, im Versuch, ihre Familien vor der totalen Zerst\u00f6rung zu retten. \u201eUnterwerfen oder ausrotten&#8221; \u2014 es gibt keine einzige Generation von Tschetschenen, die in den letzten drei Jahrhunderten nicht diese Fr\u00fcchte der standhaften russischen Politik erleben mussten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch: die Welt \u00e4ndert sich. Im Februar 2004, anl\u00e4sslich des 60. Jahrestages der Deportation der Waynachen, erkl\u00e4rte das Europ\u00e4ische Parlament dieses Verbrechen zum Akt des Genozids. Heute, 70 Jahre nach diesem Ereignis, erinnern wir uns und andere auf der ganzen Welt an die Trag\u00f6die, so dass denjenigen, die L\u00e4nder und V\u00f6lker in blutige Katastrophen verwickeln, bewusst wird, dass ihre Verbrechen niemals vergessen oder vergeben werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">22.02.2014 \/ Br\u00fcssel<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Premierminister der Tschetschenischen Republik Itschkeria<br \/>\n<strong>Achmed Sakajew<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 22. Februar fand eine internationale Konferenz in Br\u00fcssel\/Belgien statt. Anlass war der 70. Jahrestag der Deportation des gesamten Tschetscheno-Inguschischen Volkes durch das sowjetische Regime am 23. Februar 1944. 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