{"id":923,"date":"2017-09-23T13:00:12","date_gmt":"2017-09-23T10:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/waynakh.com\/de\/?p=923"},"modified":"2017-09-23T13:00:12","modified_gmt":"2017-09-23T10:00:12","slug":"wir-wollen-signale-setzen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/waynakh.com\/de\/2017\/09\/23\/wir-wollen-signale-setzen\/","title":{"rendered":"Wir wollen Signale setzen"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Huseyn Iskhanov und seine Tochter Kheda leben seit 13 Jahren in \u00d6sterreich. Aus Tschetschenien geflohen, wollen sie die vom Krieg gebeutelte Community weiterbringen. So wie Kheda, die Fu\u00dfball spielte und nun studiert, sollen es auch andere tschetschenische M\u00e4dchen machen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\">&#8220;Als wir 2004 hier ankamen, lebten wir in einem Vakuum. Uns fehlte die Sprache, um mit unseren Nachbarn in Kontakt zu treten. Und dass unsere T\u00f6chter ohne die gro\u00dfe Familie aufwuchsen, ohne Gro\u00dfeltern, ohne Tanten und Onkel, die wir in Tschetschenien zur\u00fccklassen mussten, war sehr hart f\u00fcr uns.\u201c So erz\u00e4hlt Huseyn Iskhanov dar\u00fcber, was es bedeutet, sein Land zu verlassen. Die Flucht, die die Iskhanovs nach \u00d6sterreich gef\u00fchrt hatte, dauerte Wochen. Erst wurde die Familie in Eberndorf in K\u00e4rnten untergebracht, wo die heute 20-j\u00e4hrige Kheda mit zwei ihrer Schwestern zur Schule ging. Nachdem der Fl\u00fcchtlingsstatus der Familie gekl\u00e4rt war und sie die notwendigen Papiere erhielten, zog man nach Wien um.<\/p>\n<p align=\"justify\">\u201eWir sind Stadtmenschen, wir sind aus Grosny. In einer gro\u00dfen Stadt zu leben, f\u00e4llt uns leichter. Hier in Wien kann man auch mehr tun als am Land\u201c, l\u00e4chelt Huseyn Iskhanov. Mit dem \u201emehr tun\u201c spricht er sein Engagement f\u00fcr die tschetschenische Gemeinschaft in \u00d6sterreich an, das schon bald nach seinseiner Ankunft im Westen begann.<\/p>\n<p><strong>Kulturzentrum fehlt<\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\">Allein in Wien leben 16.000 Tschetschenen und Tschetscheninnen, in ganz \u00d6sterreich sind es rund 30.000. Ein Kulturzentrum gibt es in der Bundeshauptstadt dennoch nicht. Eigentlich schade, findet Iskhanov, er vermisst eine Initiative, die die entwurzelten Menschen an einem Ort zusammenf\u00fchren kann. Um sich zu treffen, sich auszutauschen, sich kennenzulernen. Aber auch, meint er, \u201eum die jungen M\u00e4nner von der Stra\u00dfe zu holen. Damit sie nicht immer auf bl\u00f6de Gedanken kommen.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Um jene Tschetschenen abzuholen, die auf die schiefe Bahn geraten, gibt es bereits einige Initiativen. Gerade Kampfsportarten scheinen gro\u00dfe Wirkung auf die jungen M\u00e4nner zu zeigen. Disziplin und eine gewisse Form k\u00f6rperlicher H\u00e4rte treffen sich vielleicht auch mit einem tradierten Selbstverst\u00e4ndnis von M\u00e4nnlichkeit. Frust und Traumata \u2013 sie lassen sich mit Kampfsport vielleicht kanalisieren.<\/p>\n<p align=\"justify\">Herr Iskhanov ist mit seiner Idee vom tschetschenischen Kulturzentrum zwar bis ins Wiener Rathaus vorgedrungen, die ben\u00f6tigte finanzielle Unterst\u00fctzung blieb bislang aber aus. Dabei w\u00fcrden alle profitieren, ist er \u00fcberzeugt. \u201eEs geht nicht nur darum, Leute von der Stra\u00dfe zu holen, man k\u00f6nnte auch besser die Kinder unterst\u00fctzen, ihnen Sprachnachhilfe geben. Viele Kinder haben keine M\u00f6glichkeit, die tschetschenische Muttersprache richtig zu lernen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Role models f\u00fcr die Kinder<\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\">Schon jetzt ist der r\u00fchrige Mann vielerorts aktiv. Er betreut Tschetschenen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind und k\u00fcmmert sich, seit er durch den ORF-Redakteur Zoran Dobic mit der Justizanstalt Gerasdorf in Kontakt kam, auch um junge Tschetschenen, die dort einsitzen. Das sind junge M\u00e4nner, denen das positive m\u00e4nnliche Vorbild fehlt, wie Iskhanov meint. Die Gesellschaft sei insgesamt zerrissen. Zwei Kriege in den vergangenen 25 Jahren h\u00e4tten eine vaterlose und gleicherma\u00dfen patriarchale Gesellschaft hervorgebracht, die sich mit der Verarbeitung ihrer Traumata und ihrer Entwicklung schwer tue. Schw\u00e4che zu zeigen, das sei f\u00fcr Tschetschenen nicht einfach, ja gesellschaftlich geradezu verp\u00f6nt. Das schl\u00e4gt sich dann immer wieder auch in der Au\u00dfenwahrnehmung im Westen nieder.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der 61-J\u00e4hrige m\u00f6chte jedoch Zeichen setzen, und denkt dabei etwa an seine eigene Familie. Seine Tochter Kheda spielte w\u00e4hrend ihrer Schulzeit Fu\u00dfball und lernte schwimmen. Heute studiert sie Wirtschaftsrecht an der WU Wien. F\u00fcr tschetschenische M\u00e4dchen sind das eher untypische sportliche Engagements, sie gehen auf den Vater zur\u00fcck. Er hat Kheda und ihre f\u00fcnf Schwestern stets dazu angehalten, Sport zu betreiben. Auch wenn sie heute selbst keine Freundin \u00f6ffentlicher B\u00e4der ist, ist Kheda ihrem Vater dankbar: \u201eIch wei\u00df ja nie, ob ich nicht mal wegen einem Ungl\u00fccksfall schwimmen k\u00f6nnen muss.\u201c Wenn sie vom Fu\u00dfball erz\u00e4hlt, erw\u00e4hnt sie l\u00e4chelnd ihre zahlreichen Pokale.<\/p>\n<p align=\"justify\">Aber auch akademische Bildung sei unter TschetschenInnen in \u00d6sterreich nicht sehr verbreitet. Seit 2016 gibt es einen StudentInnenverein, dem auch Kehda angeh\u00f6rt. An der Uni habe sie von dem Verein erfahren: \u201eIch hatte die Infos dann auch gleich an Freunde weitergeben und beim ersten Treffen vielleicht 10 Leute erwartet. Es sind aber weit \u00fcber 30 Leute gekommen, viele davon kannte ich gar nicht!\u201c Dieses Kennenlernen und Wissen, dass sie nicht die einzigen tschetschenischen Studierende an der Uni sind, ist ihr wichtig. \u201eWir stehen noch am Anfang, aber wir versuchen uns regelm\u00e4\u00dfig zu treffen und Ziele zu diskutieren. Was wollen wir \u00fcberhaupt erreichen? Wir besuchen zum Beispiel Schulen und berichten dort tschetschenischen Kindern von den Bildungsm\u00f6glichkeiten in \u00d6sterreich. Und erz\u00e4hlen \u00fcber uns und unsere eigenen Bildungskarrieren, so dass die Kinder jemanden aus der eigenen Kultur kennenlernen, der oder die studiert.\u201c \u00dcber 80 Studierende haben sich im Verein mittlerweile eingefunden.<\/p>\n<p><strong>Vom Krieg gepr\u00e4gt<\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\">Tschetschenien, etwas kleiner als die Steiermark und im Nordkaukasus gelegen, blickt auf eine leidvolle Geschichte zur\u00fcck. Als die Sowjetunion sich aufl\u00f6ste, erkl\u00e4rte der damalige tschetschenische Pr\u00e4sident Dschochar Dudajew am 1. November 1991 die Unabh\u00e4ngigkeit der autonomen Republik. Doch schon bald verst\u00e4rkte Russland seine Truppen und unterst\u00fctzte Dudajews Gegner. Im Dezember 1994 gab Boris Jelzin den Befehl zum Einmarsch in die Kaukasus-Republik. In diesem ersten russisch-tschetschenischen Krieg k\u00e4mpfte auch Huseyn Iskhanov. Er, der in der Sowjetarmee in den Siebzigern in der DDR stationiert war, geh\u00f6rte zum Generalstab der tschetschenischen Armee. 1996 wurde Iskhanov erstmals von den Russen festgenommen, kam im Zuge eines Gefangenenaustausches jedoch wieder frei. Nach dem Krieg war er Abgeordneter im Parlament in Grosny. Nachdem 1999 der zweite russisch-tschetschenische Krieg begann, wurde er neuerlich verhaftet und auch gefoltert. Das Wissen \u00fcber die Ereignisse von damals ist in \u00d6sterreich gering, und der ehemalige Politiker ist davon \u00fcberzeugt, dass das ein Grundproblem f\u00fcr die \u00f6ffentliche Wahrnehmung der TschetschenInnen in \u00d6sterreich sei. Statt Verst\u00e4ndnis ortet er vor allem vorgefasste Meinungen. \u201eWir sind heute so etwas wie eine Marke, so wie Coca-Cola\u201c, sagt Ishanov, \u201ebei uns glaubt jeder zu wissen, wer oder was wir sind. Auch die FP\u00d6 tut das ihre dazu, um uns abzustempeln. Auch, dass Innenminister Sobotka meint, es g\u00e4be Frieden in Tschetschenien, ist nicht besonders hilfreich.\u201c Wichtiger w\u00e4re, dass die fortw\u00e4hrende Verletzung der Menschenrechte in Tschetschenien anerkannt w\u00fcrde. Seit der Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja im Jahr 2006, die dar\u00fcber berichtet hatte, hat sich die Lage nicht verbessert. Tausende Morde unter dem Putin-Getreuen, Pr\u00e4sident Ramsan Kadyrow, sowie Gewalt gegen Homosexuelle, zeichnen ein anderes Bild als das des \u00f6sterreichischen Innenministers.<\/p>\n<p align=\"justify\">Geschwiegen wird bis heute auch \u00fcber die Vertreibung tschetschenischer Bev\u00f6lkerungsteile unter Stalin, der eine halbe Million Menschen nach Kasachstan deportieren lie\u00df. Als der Filmemacher Ruslan Kokanajew 2014 den Dokumentarfilm \u201eVergessen auf Befehl\u201c \u00fcber diese Deportationen drehte, verbot der Kreml kurzerhand die \u00f6ffentliche Vorf\u00fchrung des Films. Die Die Begr\u00fcndung: Geschichtsf\u00e4lschung. Iskhanov, selbst im Exil auf die Welt gekommen, bezeichnet die Deportation als \u201eVolkstrauma, st\u00e4rker noch als die sp\u00e4teren Kriege. Wir tragen das alle noch immer in uns.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Als die Eltern nach Tschetschenien zur\u00fcckkehren durften, war Huseyn gerade ein Jahr alt. Die fr\u00fchere Wohnung in Grosny geh\u00f6rte nun Russen. Sich ein neues Leben in der Heimat aufzubauen, war f\u00fcr die Heimgekehrten dementsprechend hart.<\/p>\n<p align=\"justify\">Heute kann man in Tschetschenien nicht von Demokratie sprechen. Wer sich dazu hinrei\u00dfen l\u00e4sst, Kadyrow oder Putin \u00f6ffentlich zu kritisieren, werde im Fernsehen und \u00fcber die sozialen Netzwerke gedem\u00fctigt. \u201eDas zerst\u00f6rt gerade in einer Gesellschaft, die so stark auf die Einhaltung von W\u00fcrde aufgebaut ist, ganze Existenzen\u201c, erkl\u00e4rt Kheda. Und ihr Vater f\u00fcgt hinzu: \u201eDie Russen haben sich heute weitgehend aus Tschetschenien zur\u00fcckgezogen. Aber sie lassen Putins Gefolgsmann Kadyrow die schmutzige Arbeit machen. Ein Ende ist nicht in Sicht.\u201c<\/p>\n<p><strong>Mut zur Erneuerung<\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\">Weder Vater noch Tochter scheuen die \u00f6ffentliche Auseinandersetzung. Meist wird diese Pr\u00e4senz und das Engagement der Familie auch von der Community gutgehei\u00dfen, nur manchmal wird kritisiert, dass Kheda Iskhanova kein Kopftuch tr\u00e4gt und etwa gemeinsam mit ihren Schwestern in Sendungen wie \u201eHeimat, fremde Heimat\u201c \u00f6ffentlich zu sehen ist. Sie verhalte sich nicht so, wie es von einer tschetschenischen Frau erwartet w\u00fcrde. Aber, so entgegnet sie: \u201eIch kann nicht still sein, wenn es um Ungerechtigkeiten geht. Und ich will auch zeigen, dass ich ohne Kopftuch eine gl\u00e4ubige Muslima sein kann, die viele M\u00f6glichkeiten hat, ohne die Traditionen zu vergessen.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Versuche der Iskhanovs, Landsleute vor die Kamera zu holen, scheitern meist: \u201eKaum jemand will \u00f6ffentlich wie wir seine Meinung \u00e4u\u00dfern, gerade auch, wenn es um das Kadyrow geht\u201c, erz\u00e4hlt die Studentin. Nat\u00fcrlich h\u00e4tten die Leute auch Angst um ihre Verwandten in Tschetschenien. \u201eSie k\u00f6nnen aber nicht alle Familien bedrohen, weil wir hier im Westen offen Kritik \u00fcben\u201c sagt Kheda Ishanova, \u201ewenn wir alle aussprechen was wir denken, w\u00fcrden wir unseren Landsleuten mehr helfen, als dem Druck nachzugeben. Ich finde, wir sollten alle sagen was wir denken. So k\u00f6nnen wir ihnen weit mehr helfen. Kadyrow kann nicht Millionen von Menschen foltern. Das geht einfach nicht. Es muss jemand sagen wie es ist. Es trifft uns doch alle.\u201c<\/p>\n<p><em>Text: Evelyn Steinthaler, Fotos: Karin Wasner<\/em><\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Evelyn Steinthaler ist freie Autorin, \u00dcbersetzerin, Performerin und Jugendarbeiterin. Sie lebt und arbeitet in Wien. Zuletzt, \u00dcbersetzung von \u201eAustria \u2013 A Soldier\u2018s Guide\u201c erschienen bei Czernin 2017. Performance im Film \u201eThe Devil Opens a Night School to Teach the Secrets of Success and Failure\u201c von Ines Doujak und John Barker, 2015.<\/em><\/p>\n<p align=\"right\"><a href=\"https:\/\/www.sosmitmensch.at\/site\/momagazin\/alleausgaben\/48\/article\/1470.html\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\"><strong>SOS Mitmensch<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Huseyn Iskhanov und seine Tochter Kheda leben seit 13 Jahren in \u00d6sterreich. Aus Tschetschenien geflohen, wollen sie die vom Krieg gebeutelte Community weiterbringen. 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