{"id":859,"date":"2015-05-17T13:36:56","date_gmt":"2015-05-17T10:36:56","guid":{"rendered":"http:\/\/waynakh.com\/de\/?p=859"},"modified":"2015-05-17T13:36:56","modified_gmt":"2015-05-17T10:36:56","slug":"ein-reihenhaus-fur-eine-fluchtlingsfamilie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/waynakh.com\/de\/2015\/05\/17\/ein-reihenhaus-fur-eine-fluchtlingsfamilie\/","title":{"rendered":"Ein Reihenhaus f\u00fcr eine Fl\u00fcchtlingsfamilie"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">&#8220;Vermieten Sie Wohnraum &#8211; helfen Sie Fl\u00fcchtlingen!&#8221; Mit diesem Aufruf wendet sich der Berliner Senat seit November an private Immobilienbesitzer. Denn die Stadt hat nicht genug eigene Unterk\u00fcnfte f\u00fcr die vielen Fl\u00fcchtlinge. Und gewerbliche Vermieter verlangen oftmals hohe Preise. Hanfried Wiegel sah dieses Problem &#8211; und folgte dem Senats-Aufruf.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hanfried Wiegel h\u00e4tte das gepflegte Reihenhaus seiner Eltern in Berlin-Lankwitz verkaufen k\u00f6nnen. Dann w\u00e4re er jetzt wohl ein verm\u00f6gender Mann. Zelimkhan Akhmadov h\u00e4tte in Tschetschenien bleiben k\u00f6nnen. Dann w\u00e4re er jetzt m\u00f6glicherweise tot.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber Zelimkhan Akhmadov ist nach Berlin geflohen, und Hanfried Wiegel wollte Fl\u00fcchtlingen ein Zuhause geben. Und so stehen die beiden ungleichen M\u00e4nner, der Berliner schlank und grau-blond, der Tschetschene kr\u00e4ftig und dunkelhaarig, im Flur von Herrn Wiegels Haus. Und sch\u00fctteln einander herzlich die H\u00e4nde. Etwa alle 14 Tage schaut Hanfried Wiegel bei seinen neuen Mietern vorbei und freut sich \u00fcber das freundliche Hallo trotz der Sprachbarriere: &#8220;Ich habe das Gef\u00fchl, die Leute freuen sich, wenn ich komme &#8211; oder auch wenn mein Bruder manchmal vorbeikommt. Dann frage ich immer nach, ob es irgendwelche Probleme mit dem Haus gibt.&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Im Garten bl\u00fchen Tulpen und ein alter Apfelbaum &#8230;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber bislang gibt es keine Probleme. Zelimkhan Akhmadov ist ein praktisch veranlagte Mieter. Er legt selber Hand an, wenn die Farbe bl\u00e4ttert. Herrn Akhmadov m\u00fcsse man nicht unbedingt sagen, wie ein Hammer aussieht, sagt Wiegel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zelimkhan Akhmadov gibt bei seiner Frau Raissa Kaffee in Auftrag. Und bittet auf Russisch schon mal ins Wohnzimmer. Hier stehen noch einige der gutb\u00fcrgerlichen M\u00f6bel von Hanfried Wiegels Eltern: dunkle Schrankwand, beiges Sofa, Couchtisch. Herr Wiegel ist hier aufgewachsen, nach dem Tod seiner Mutter stand das Haus leer. Nun lebt seit Februar die siebenk\u00f6pfige Familie Akhmadov hier: 130 m\u00b2, Zweieinhalbzimmer. Im Garten bl\u00fchen Tulpen und ein alter Apfelbaum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Raissa Akhmadova bringt drei Becher mit dampfendem, schwarzen Kaffee und eine Schale S\u00fc\u00dfigkeiten. Dann zieht sie sich wieder in die K\u00fcche zur\u00fcck, die Kinder spielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gl\u00fcckliche Kinder machen den Vater gl\u00fccklich<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was so unkompliziert aussieht, hat einen ernsten Hintergrund. Familie Akhmadov ist seit fast zehn Jahren auf der Flucht: sechs Jahre in Polen, ein halbes Jahr in den Niederlanden, seit drei Jahren in Berlin. Auf die Frage nach dem Warum schiebt Zelimkhan Akhmadov wortlos den Pullover hoch und zeigt seinen mit gro\u00dfen Schusswunden-Narben \u00fcbersahten R\u00fccken. Es f\u00e4llt ihm schwer, dar\u00fcber zu reden, und er sagt: &#8220;Wenn wir ein gutes Leben gehabt h\u00e4tten, w\u00e4ren wir nicht weggegangen.&#8221; Es war ihm vor allem um die Kinder gegangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die drei \u00e4lteren der f\u00fcnf Kinder gehen zur Schule. Sohn Akraman macht am liebsten Sport: &#8220;Ich spiele auch in der Schule Handball, Fu\u00dfball, bin in der Turn- und in der Leichtathletik-AG, und manchmal gehe ich auch zum Basketball.&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein neues Zuhause genie\u00dft der 11-J\u00e4hrige genauso wie seine Schwestern Heda und Zareta, die den Garten lieben und das l\u00e4rmige Wohnheim nicht vermissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Kinder in dem Lankwitzer H\u00e4uschen so gl\u00fccklich zu sehen, macht wiederum ihren Vater gl\u00fccklich. Zelimkhan Akhmadov wohnt aber auch gerne hier. Zum einen genie\u00dft auch er die Ruhe, zum anderen die gro\u00dfe Wohnfl\u00e4che, wo jeder sein eigenes Zimmer haben kann und die Kinder in Ruhe ihre Hausaufgaben machen k\u00f6nnen. Im Heim war das Akhmadovs gr\u00f6\u00dfte Sorge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ein sehr menschliches Wohnangebot<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vermieter Hanfried Wiegel h\u00f6rt \u00fcber seinem Kaffee aufmerksam zu und l\u00e4chelt. So hat er es sich gew\u00fcnscht: dass Fl\u00fcchtlinge hier in diesem Haus &#8211; zumindest f\u00fcr eine Zeit lang &#8211; gl\u00fccklich sind. Denn seine Mutter war selbst ein Fl\u00fcchtling: Sie kam 1945 mit dem letzten Zug aus dem damaligen Schlesien. Auf der Flucht vor der den russischen Truppen. Der Vater verlie\u00df seine Heimat in der Altmark, noch vor dem Mauerbau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Familiengeschichte hatten Hanfried Wiegel und sein Bruder im Hinterkopf, als sie ihr fr\u00fcheres Elternhaus der Wohnungsvermittlung f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge anboten: &#8220;Wir haben uns selber als Fl\u00fcchtlingskinder verstanden, unsere Eltern waren sehr sozialorientierte Menschen und wir brauchen weder das Haus noch das Geld aus der Miete.&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist nicht so, dass Hanfried Wiegel im Geld schwimmt. Der Sozialarbeiter betreibt einen ambulanten Pflegedienst. F\u00fcr die siebenk\u00f6pfige Familie Akhmadov zahlt das Amt knapp 1.000 Euro warm im Monat. Auf dem privaten Markt k\u00f6nnten die Br\u00fcder Wiegel f\u00fcr ihr sch\u00f6nes H\u00e4uschen das Doppelte kassieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beinahe h\u00e4tten sie das auch gemacht. Denn vor den Akhmadovs hatten sich mehrere andere Fl\u00fcchtlingsfamilien das Haus angesehen und abgelehnt. Die Akhmadovs allerdings sagten gleich begeistert &#8220;ja&#8221;. Und Hanfried Wiegel hatte ein gutes Gef\u00fchl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nationalit\u00e4t hat nichts mit der Seriosit\u00e4t der Mieter zu tun<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Knapp 70 private Vermieter haben seit dem Senats-Aufruf im November ihre Wohnungen an Fl\u00fcchtlinge vermietet. Viele Anbieter allerdings, hei\u00dft es in der Vermittlungsstelle, h\u00e4tten sehr klare Vorstellungen davon, wen sie gerne als Mieter wollten: am liebsten englischsprachige Syrer mit akademischem Hintergrund. Hanfried Wiegel kann das einerseits verstehen. Aber sein Bruder und er haben ganz andere Erfahrungen gemacht: &#8220;Mein Bruder hat auch Erfahrungen als Vermieter, wo er mit ausschlie\u00dflich Deutschen ganz f\u00fcrchterliche Sachen erlebt hat. Dass die Nationalit\u00e4t etwas mit der Seriosit\u00e4t zu tun haben soll, konnte ich bisher nicht beobachten.&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Beitrag von Sylvia Tiegs<\/em><br \/>\n<em> Stand vom 16.05.2015<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.rbb-online.de\/politik\/thema\/fluechtlinge\/berlin\/berlin-haus-fluechtlinge-untermieter.html\" target=\"_blank\">http:\/\/www.rbb-online.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Vermieten Sie Wohnraum &#8211; helfen Sie Fl\u00fcchtlingen!&#8221; Mit diesem Aufruf wendet sich der Berliner Senat seit November an private Immobilienbesitzer. Denn die Stadt hat nicht genug eigene Unterk\u00fcnfte f\u00fcr die vielen Fl\u00fcchtlinge. 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