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Iljas Achmadow: “Die Zeit wird alles heilen!”

Bereitgestellt von am Wednesday, 9 February 2011.    177 views Kein Kommentar
Iljas Achmadow: “Die Zeit wird alles heilen!”

Wir haben ein Telefoninterview mit dem ehemaligen Au├čenminister der Tschetschenischen Republik Itschkeria, Iljas Achmadow, gef├╝hrt. Wir sprachen ├╝ber sein k├╝rzlich erschienenes Buch sowie ├╝ber aktuelle Themen.

Waynakh Online: Herr Achmadow, in den letzten Jahren traten Sie in der ├ľffentlichkeit nicht auf und wir haben erst wieder von Ihnen geh├Ârt, als Ihr Buch k├╝rzlich erschien. K├Ânnen Sie uns sagen, was Sie in dieser Zeit gemacht haben?

Iljas Achmadow: 2005 wurde ich auf Befehl von Aslan Maschadows Nachfolger Abdul-Khalim Sadulajew aus meinem politischen Amt entlassen. Danach begann ich mein Privatleben und nutzte die gesamte Zeit, dieses Buch mit meiner Co-Autorin Miriam Lanskoy zu schreiben. Schlie├člich wurde es vor ein paar Wochen ver├Âffentlicht. Nat├╝rlich habe ich w├Ąhrend dieser Zeit das Interesse an meiner Heimat nicht verloren und habe gewusst, was in Tschetschenien und im Nordkaukasus geschieht.

Waynakh Online: Nach unserem Kenntnisstand sind Sie der Autor eines Friedensplans f├╝r den Russisch-Tschetschenischen Krieg. Es hatte wie erwartet keinen Einfluss auf die westlichen L├Ąnder, aber es wurde auf tschetschenischer Seite kritisiert. Was m├Âchten Sie dazu sagen?

Iljas Achmadow: Ja, ich hatte einige Kritiker auf der tschetschenischen Seite. Alle meine Kritiker beschuldigten mich aufgrund der Wortwahl im Text. Allerdings m├╝ssen Sie verstehen, aus welcher Situation heraus dieser Plan geschrieben wurde. Ich habe nie gesagt, dass Tschetschenien ein Teil der Russischen F├Âderation ist oder dass wir ein Teil von Russland werden. Es ging um das Recht des tschetschenischen Volkes, einen eigenen Staat zu errichten. Es zielte darauf ab, den Westen einzubinden. Sie erinnern sich an die schreckliche Tat in Nord-Ost im Jahr 2002. Danach wollte niemand mehr ├╝ber die Lage in Tschetschenien sprechen und dar├╝ber, den Krieg zu beenden. In der Zwischenzeit t├Âtete Russland weiterhin Tausende und Abertausende Zivilisten. Und wenn ich in dieser Zeit versuchte, mit irgendwelchen Politikern zu sprechen, sagten sie mir, dass ich immer dar├╝ber sprach, den Krieg zu beenden, aber ob ich denn n├Ąhere Angaben, irgendwelche Standpunkte in dieser Angelegenheit h├Ątte. Nat├╝rlich besprach ich das Problem dann mit Aslan Maschadow und dieser Plan entstand (der Plan wurde von meinem Stellvertreter Roman Khalilov geschrieben und meine Aufgabe war es, daf├╝r zu werben). Ich muss hinzuf├╝gen, dass ich in politischen Fragen ausgebildet bin, da ich Absolvent einer politikwissenschaftlichen Fakult├Ąt bin. Ich wusste also, wor├╝ber ich sprach. Ich wusste, dass dieser Plan nicht unmittelbar funktionieren w├╝rde, aber es war eine gute Gelegenheit, Fragen ├╝ber die Beendigung des Krieges in Tschetschenien aufzuwerfen und politische L├Âsungen f├╝r diesen Konflikt zu finden. Das erste Mal wurde eine solche Initiative zur Tschetschenien-Frage von 130 Mitgliedern des Europ├Ąischen Parlaments unterst├╝tzt.

Waynakh Online: Wie bewerten Sie das Verhalten der Vereinigten Staaten oder der westlichen L├Ąnder hinsichtlich des Kriegs in Tschetschenien? Man zog es vor, die Augen vor dem Russisch-Tschetschenischen Krieg zu schlie├čen. Was denken Sie dar├╝ber?

Iljas Achmadow: Leider handelt es sich dabei um den Zynismus der Realpolitik. Ich hatte meine eigenen schlechten Erfahrungen gemacht, als ich Einfluss in den westlichen L├Ąndern fand. Aber ich konnte es nicht zum Erfolg f├╝hren. Vor allem nach 2001, als die USA und die europ├Ąischen L├Ąndern begannen zu denken, die Russische F├Âderation w├Ąre ihr Begleiter im Kampf gegen den Terrorismus. Allerdings sind der Terrorismus in seiner Form im Nordkaukasus und der Terrorismus in seiner Form im Nahen Osten v├Âllig unterschiedlich. Diese Terroristen haben ganz andere Beweggr├╝nde. Russland setzt den Staatsterrorismus gegen die Zivilbev├Âlkerung ein und aus diesen Gr├╝nden bekommen sie daf├╝r die Antworten. Die Vereinigten Staaten oder die westlichen L├Ąndern schlossen ihre Augen mit unterschiedlichen Zielsetzungen. Auch heute noch wird niemand, der eine offizielle Position in den USA oder Westeuropa innehat, die Begriffe “Kriegsverbrechen gegen die Zivilbev├Âlkerung” oder “massive T├Âtungen in Tschetschenien” verwenden. Ein Viertel der tschetschenischen Bev├Âlkerung wurde ohne jegliche Gerechtigkeit get├Âtet und alle Siedlungen wurden von Russland zerst├Ârt. 1999 hatte Russland nur ein Problem und das war Tschetschenien, aber die russische Politik bringt den Terrorismus hervor und nun haben Sie Probleme im gesamten Nordkaukasus. Allerdings hat Russland kein Programm, keinen Mechanismus oder Standpunkt zur L├Âsung dieses Problems. Vor Kurzem wurde ein Bombenanschlag im Domodedovo-Flughafen in Moskau ver├╝bt. Das kommt von der russischen Politik, aber Russland wirft stets anderen Gruppen oder Staaten Terrorismus vor. Das ist nicht wahrheitsgem├Ą├č. Gleichzeitig ist auch allen westlichen L├Ąndern bewusst, dass das nicht wahr ist. Aber sie setzen ihr Spiel mit Russland fort, da sie russisches Gas, Benzin oder den Transit nach Afghanistan ben├Âtigen. Ich glaube, der Westen nutzt diese Positionen und treibt Russland zu gro├čen Problemen wie diesen.

Waynakh Online: Lassen Sie uns ├╝ber Ihr Buch sprechen. Wie beschreiben Sie Ihr Buch f├╝r diejenigen, die es noch nicht gelesen haben?

Iljas Achmadow: Das Buch handelt vor allem von den Beziehungen der Tschetschenen untereinander und den Problemen des Widerstands. Wir haben versucht zu analysieren, was passiert ist. Russlands grauenhafte Politik gegen├╝ber der unabh├Ąngigen Tschetschenischen Republik Itschkeria ist bekannt und wurde verstanden, aber unsere Fragestellung gilt nicht Russland. Welche Art von Problemen trat auf unserer Seite auf, als die Teilung innerhalb der tschetschenischen Bewegung begann? Nat├╝rlich geht es auch um unsere F├╝hrerschaft. Es wurde sehr viel geschrieben ├╝ber Dudajew, Maschadow und Bassajew. Aber das ist nur Propaganda. Ich war ein normaler B├╝rger und Soldat zu Beginn der russischen Besatzung. Ich war nicht sehr eng mit Dudajew, aber ich war w├Ąhrend des ersten Russisch-Tschetschenischen Kriegs sehr nah zu Schamil Bassajew und Aslan Maschadow. Es war ganz anders als die russische Propaganda es beschrieb oder auch anders als das, wie es westlichen Beobachtern schien. Ich habe versucht, so viel wie m├Âglich aus meiner Sicht zu erkl├Ąren und ├╝ber meine Erfahrungen zu schreiben als jemand, der diese Menschen kannte, wie sie Entscheidungen trafen, wie sie in einigen Situationen und besondere Ereignissen in dieser Zeit agierten. Neben meinen Erinnerungen haben wir Miriam Lanskoy als externe Beobachterin mit ihren Forschungen ├╝ber Tschetschenien herangezogen. Ich denke, dass es lesbar ist. Ich hoffe, dass es seinen Zweck erf├╝llt und die Menschen verstehen, was passiert ist. Wie Zbigniew Brzezinski, der das Buch vorgestellt hat, sagte: “Das Volk, das seine Vergangenheit nicht kennt, wird nie eine Zukunft haben …”

Waynakh Online: Nach der Pr├Ąsentation Ihres Buches, verurteilte zuerst das russische Au├čenministerium die USA und dann organisierte eine russische Jugendbewegung eine Protestversammlung in Moskau. Was halten Sie davon?

Iljas Achmadow: Es ist der traditionelle Schwachsinn der russischen B├╝rokratie. Es ist sehr lustig, selbst w├Ąhrend der Sowjetzeiten hat das russische Au├čenministerium nie die Herausgabe eines Buchs verhindert. Es ist das erste Mal, dass so etwas geschieht. Ich habe keine Erkl├Ąrung daf├╝r.

Waynakh Online: K├Ânnten Sie die aktuelle Situation in Tschetschenien beschreiben?

Iljas Achmadow: Die ausl├Ąndischen Beobachter und Journalisten, die nach Tschetschenien gehen, sprechen nur ├╝ber neu gebaute H├Ąuser. Aber das hat keine Bedeutung f├╝r die Menschen, und es bedeutet auch nicht, dass Ramsan Kadyrow mehr Unabh├Ąngigkeit bringt als Dschochar Dudajew oder Aslan Maschadow. Das ist nicht wahr. Ramsan Kadyrows Regierung ist eine russische Regierung. Ramsan Kadyrow ist keine unabh├Ąngige Person, er ist nur ein russischer Angestellter. Und auch jetzt ist Ramsan Kadyrow sehr zweckm├Ą├čig f├╝r alle. Beispielsweise wenn wir den Westen nehmen, was auch immer in Tschetschenien passiert, sie sprechen nur ├╝ber Kadyrow und kritisieren ihn nur. Aber Kadyrow hat nicht 250.000 Menschen get├Âtet oder auch nicht alle St├Ądte und D├Ârfer in Tschetschenien zerst├Ârt. Durch Ramsan Kadyrows Existenz hat der Westen einen guten Grund, Moskau, die Kreml-Politik oder die russischen Kriegsverbrechen in Tschetschenien nicht direkt zu kritisieren. Aber auf der anderen Seite ist Ramsan Kadyrow eines der besten Werkzeuge f├╝r die russische Kolonialpolitik im Nordkaukasus und vor allem in Tschetschenien. Heute hat das tschetschenische Volk keine Rechte in Tschetschenien. Die tschetschenische Bev├Âlkerung hat nur ein Recht, ohne jegliche Gerechtigkeit get├Âtet zu werden. All die neuen H├Ąuser sind unbedeutend f├╝r mich, es ist nichts f├╝r die Menschen. In Tschetschenien hat heute rund 70% der Bev├Âlkerung keine Aussicht auf Arbeit. Ich glaube auch, dass die pro-russische Regierung in Tschetschenien die tschetschenische Mentalit├Ąt und die tschetschenischen Traditionen zerst├Ârt hat. Aber ich m├Âchte noch einmal wiederholen, dass Ramsan Kadyrow nur ein Werkzeug ist in den H├Ąnden von Russland, das ist nicht Ramsans Politik, es ist die Politik des Kremls.

Waynakh Online: Was denken Sie ├╝ber die aktuellen Probleme der Politiker untereinander auf der Itschkeria-Seite?

Iljas Achmadow: Es sind typische Probleme zwischen emigrierten Politikern. Es ist nichts Neues, das sah man schon immer bei massenhaft politischen Auswanderern. Das ist normal. Ich muss darauf hinweisen, dass ich mit der Situation bei den tschetschenischen Politikern ungl├╝cklich bin, aber es ist keine Trag├Âdie. Leider l├Ąuft das so zwischen allen politischen Emigranten nach solchen Ereignissen. Doch die Zeit wird alles heilen. Jetzt haben sie noch die M├Âglichkeit zu beobachten, wie Politik in westlichen L├Ąndern l├Ąuft. Doch die L├Âsung dieser Probleme wird einige Zeit in Anspruch nehmen.

Waynakh Online: Wie sehen Sie die Zukunft der Tschetschenischen Republik Itschkeria?

Iljas Achmadow: Ich glaube, dass eines Tages, ich wei├č nicht wann, aber eines Tages wird dieser Konflikt gel├Âst werden. Nat├╝rlich h├Ąngt es von der russischen Seite ab, aber momentan sehe ich keine Zeichen von ihrer Seite. Russland verf├╝gt nicht ├╝ber einen Mechanismus, Probleme im Nordkaukasus zu l├Âsen oder im Hinblick auf den Krieg in Tschetschenien. Sie haben keine Programme und sehen keine L├Âsungen bei diesen Fragestellungen. Wenn Sie die nationale Politik Russlands begutachten, werden Sie deutlich erkennen, dass sich im Laufe der Jahrhunderte nichts in ihrer Politik ver├Ąndert hat. Wie man sieht funktioniert das einfach nicht mehr. Die Russen behaupten, sie seien in der Russischen F├Âderation ├╝berlegen. Das ist unter Putin noch schlimmer geworden. Der Hass gegen ethnische Minderheiten dr├Ąngt sie weg von Russland. Sie werden sich daran erinnern, was gerade vor ein paar Wochen in Moskau passiert ist, all diese Faschisten marschierten und sagten “Russland den Russen!” Ich glaube nicht, dass Russland ├╝ber wirkliche Macht im Nordkaukasus verf├╝gt. Man sieht, wie viele milit├Ąrische Truppen in Tschetschenien und im Nordkaukasus stationiert sind. Dies ist ein Symbol der Schw├Ąche Russlands.

Waynakh Online: Seit einigen Jahren sind Sie auch Mitglied der neuen tschetschenischen Diaspora in den westlichen L├Ąndern. Was denken Sie ├╝ber die Situation der neuen Diaspora? Glauben Sie, dass neue Diaspora-Mitglieder in der Lage sind, ihre nationale Identit├Ąt, Sprache und Traditionen zu retten?

Iljas Achmadow: Vorab, in den Vereinigten Staaten haben wir eine sehr kleine Diaspora. Zum gr├Â├čten Teil kenne ich die Leute nicht. Ich kenne die Leute, die in meiner N├Ąhe leben, aber wie Sie wissen haben die Vereinigten Staaten ein gro├čes Territorium und es ist unm├Âglich, mit allen in Kontakt zu sein.

Nat├╝rlich ist die Auswanderung eine harte Erfahrung, vor allem f├╝r das tschetschenische Volk. Als Mitglied der alten Diaspora m├╝ssten Sie von Ihren Eltern wissen, was ich meine. Die tschetschenischen Menschen halten sehr viel auf enge Beziehungen, Verwandte und Traditionen. Nach den schrecklichen Erfahrungen in ihrer Heimat sto├čen sie auf Kulturen der ganzen Welt. In dieser Situation wird das ein Problem. Andererseits waren wir auch schon in Tschetschenien geteilt. Manche teilen die Menschen auch in der Diaspora noch weiter.

Ich will nicht sagen, dass es nur Probleme gibt. Wenn ich mir anschaue, was los ist in den westeurop├Ąischen L├Ąndern, in denen Zehntausende Tschetschenen leben, sehe ich gro├čartige Dinge. Zum Beispiel haben es einige in der Diaspora geschafft, kulturelle Organisationen zu gr├╝nden mit ihren Veranstaltungen und Aktivit├Ąten. Auch sehe ich, dass viele junge tschetschenische M├Ąnner und Frauen in sehr ber├╝hmten Universit├Ąten und Institutionen studieren. Es ist wirklich ungew├Âhnlich f├╝r uns und es ist wundervoll. Das ist eine gro├če Hoffnung f├╝r unser Land und unsere Zukunft.

Waynakh Online: M├Âchten Sie noch etwas hinzuf├╝gen oder haben Sie eine Mitteilung an unsere Leser?

Iljas Achmadow: Wenn wir bedenken, dass viele Ihrer Besucher Diaspora-Mitglieder aus westeurop├Ąischen L├Ąndern sind, dann m├Âchte ich eigentlich nur sagen, sie sollen so viel wie m├Âglich lesen und studieren. Die Auswanderung ist etwas Schreckliches und wir m├╝ssen auf die Konsequenzen vorbereitet sein. Das Wichtigste ist die Bildung. Das war ein gro├čes Problem f├╝r das tschetschenische Volk. Ich meine damit nicht, dass das tschetschenische Volk keine Bildung mag oder sie keine gebildeten Menschen sind. Ich spreche einfach die Realit├Ąt aus, dass sie nicht die M├Âglichkeit auf eine gute Ausbildung in der Sowjet- oder Zarenzeit bekamen. Das tschetschenische Volk wurde immer unterdr├╝ckt. Jetzt ist die Zeit gut. Alles ist in unserer Hand.

Waynakh Online: Herr Achmadow, vielen Dank f├╝r Ihre Zeit und f├╝r das Interview.

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